Seitenabfolge aus einem Mikrofiche im Mikrofiilmarchiv des Museumszentrums Lorsch

Wolfenbüttel,
Herzog-August-Bibliothek,
Cod. Guelf. 34 Weissenb.
Lorscher Bibliothekskatalog, erste Seite von Katalog C mit liturgischen Handschriften, Lorsch, um 860

Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. Lat. 1877, fol 1'
Fragment einer merowingischen und karolingischen Genealogie (St-Amand, zweite Hälfte 9. Jh., später in der Lorscher Bibliothek)

Österreichische Nationalbibliothek Wien
Cod. 473, fol. 171v/172r
Hieronymus,
Matthäuskommentar
(Lorsch, Ende des 8. Jahrhunderts)

Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 177, fol 1r
Lorscher Sakramentar, Lorsch, Mitte 11. Jahrhundert.

Biblioteca Apostolica Vaticana,
Pal. lat. 499, fol. 10'

Die Rekonstruktion einer mittelalterlichen Klosterbibliothek

Spätestens seit Umberto Ecos „Der Name der Rose“ hat sich vielen Menschen ein wenig von der Faszination mittelalterlicher Bibliotheken mitgeteilt. Dabei wird noch viel zu wenig bewußt, welche Rolle diese Büchersammlungen für die geistigen Grundlagen unserer Zeit spielen - sie sind Zeugen einer von Mönchen begründeten, ursprünglich rein religiös motivierten Arbeitsethik, ohne deren Grundlage das mühsame Geschäft des Schreibens kaum als eine der klösterlichen Hauptbeschäftigungen denkbar gewesen wäre. Mittelalterliche Bibliotheken sind die Vermittler antiken wie zeitgenössischen Wissens, und die Interessen des ursprünglich den heidnischen Bildungsidealen feindlichen gesinnten Mönchtums, das in den folgenden Jahrhunderten fast so etwas wie ein Bildungsmonopol errang, wurden ausschlaggebend dafür, was an antikem Wissen der Nachwelt überliefert wurde und was nicht.

Ein weiteres wichtiges Motiv für die Entstehung der frühen Klosterbibliotheken waren ganz praktische Erwägungen, kultische und liturgische Bedürfnisse: jedes Kloster brauchte ja Meßbücher, Evangeliare, Lektionare, Predigtsammlungen, Bußbücher, Brief- und Urkundenmuster, Heiligenbiographien, Kommentare der kirchlichen Autoritäten zur Heiligen Schrift, kirchenrechtliche Bestimmungen, Anleitungen zur Berechnung des Ostertermins, Lehrbücher zu den artes, in die der damals bestehende Bildungskanon organisiert war.

Die Herstellung von Büchern - nicht nur von Prachthandschriften, wie sie sich reichere Klöster leisten konnten - erforderte viel Arbeit und eine sehr solide materielle Basis, zumal der Schreibstoff Pergament ein nicht eben billiges Material war. Es waren Beziehungen zu anderen, oft sehr weit entfernten Klosterbibliotheken notwendig, um sich dort Bücher ausleihen oder sie vor Ort kopieren zu können - Bücher oft, von denen nur noch mehr ein einziges Exemplar bekannt war.

Kostbarkeiten - weit verstreut

Bücher waren Kostbarkeiten, und so verwundert es nicht, daß viele der älteren Bibliothekskataloge, die sich erhalten haben, als Bestandteile von Schatzverzeichnissen überliefert werden. Von der Vorstellung so riesiger Bibliotheken wie der, in deren kompliziertem Raumsystem sich William von Baskerville und sein Adlatus Adson beinahe verirrt hätten, und Tausende und Abertausende von Bänden sich in dem gewaltigen Aedificium häufen, müssen wir uns - zumindest was das frühe Mittelalter betrifft - wohl trennen. Es war eine außerordentlich vereinzelte Ausnahme, wenn ein Kloster, wie Lorsch, sicherlich über mehr als ein halbes Tausend dickleibiger Handschriftenkonvolute sein eigen nannte, wobei zu bedenken ist, daß in einem Band oft sehr viele verschiedene Texte eingebunden sein konnten.

Von den großen europäischen Klosterbibliotheken des Frühmittelalters ist keine einzige mehr als geschlossener Bestand weder an Ort und Stelle, noch in einer modernen Bibliothek erlebbar. Kriege, Plünderungen, Feuer, Diebstahl, Verkäufe, mutwillige Zerstörungen und Säkularisationen haben für die Zerstreuung gesorgt.

Im Falle des Klosters Lorsch, das um 1556 säkularisiert wurde, wissen wir noch von insgesamt etwa dreihundert Handschriftenbänden, von denen ziemlich genau die Hälfte über die Bibliotheca Palatina in den Vatikan gelangte, die andere Hälfte sich derzeit auf mehr als 54 Standorte in 17 Ländern dieser Welt verteilt: So gibt es beispielsweise einen norwegischen Sammler, der ein Blatt aus einer Lorscher Bibel besitzt, ein Evangeliar aus Lorsch liegt in Los Angeles, wohin es aus der Hand des Kölner Kunstsammlers Ludwig gelangte (in dessen Auftrag das wunderschöne Exlibris Pablo Picassos entstand), ein Teil des weltberühmten Lorscher Evangeliars befindet sich im rumänischen Alba Iulia, und der südlichste Standort Lorscher Handschriften ist wohl der Vatikan.

Alte Klosterbibliothek in Form eines Mikrofilmarchivs

Der Forscher, der etwa den Codex von Los Angeles mit dem um 830 für Seligenstadt geschriebenen Evangeliar der Hesssischen Landes- und Hochschulbibliothek in Darmstadt vergleichen will, mußte bisher von beiden Orten Mikrofilme anfordern; aber vielleicht wären ihm die Bezüge dieser Handschriften untereinander ohnehin nie aufgefallen, weil es bisher keine Möglichkeit gab, den Bestand in seiner Gesamtheit kennenzulernen und die erhaltenen Stücke miteinander zu vergleichen? Diese Möglichkeit gibt es seit 1995 in Lorsch. Im Auftrag der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen wurde die alte Klosterbibliothek in Form eines Mikrofilmarchivs zusammengetragen. Die wissenschaftliche Grundlage bot eine umfangreiche Studie des Münchener Mittelalterlateiners und Paläographen Bernhard Bischoff, der in jahrzehntelanger Arbeit das Lorscher Skriptorium und die Lorscher Bibliothek erforscht hat. Im Laufe der Beschaffung der Filme konnten auch neuere Forschungsergebnisse und Zufallsfunde einbezogen werden, die den von Bernhard Bischoff 1989 zuletzt beschriebenen Bestand erweitern halfen.

Das Vorhaben des Landes Hessen wurde übrigens durch vielerorts vorhandene Archivfilme erleichtert, die im Zuge des großangelegten Monastic Microfilm Project Ende der sechziger Jahre hergestellt worden sind. Von diesen Archivfilmen konnten Kopien angefertigt werden. Gelegentlich aber waren auch kostenintensive Erstverfilmungen notwendig - so beispielsweise im Falle des prachtvollen ottonischen Sakramentars aus Lorsch, das heute im Musée Condé in Chantilly liegt, oder die erste farbige Aufnahme aller Seiten des im rumänischen Alba Iulia verwahrten ersten Teils des Lorscher Evangeliars, die auch eine geeignete Grundlage für die erste vollständig farbige Faksimilierung dieses so hoch bedeutsamen Codex ermöglicht haben. Neben dem üblichen Mikrofilm sind nahezu alle anderen Reproduktionsformen in Lorsch zusammengekommen - das Spektrum reicht von der einfachen Fotokopie über den Mikrofiche bis hin zum großformatigen Diapositiv. Das Mikrofilmarchiv des Museumszentrums Lorsch wird laufend auch zu einer Präsenzbibliothek ergänzt, die neben den wichtigsten Nachschlagewerken und Büchern zur frühmittelalterlichen Geschichte auch eine umfangreiche Aufsatzsammlung speziell zur Geschichte Lorschs bewahrt.

Dr. Hermann Schefers

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