Die so genannte „Königshalle“. Heutiger Zustand.
Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen.
Wandmalereifragment aus Lorsch (ca. 875 ?).
Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Kg 63: 249
Die „Königshalle“ bald nach 1935. Im Gebäude befindet sich jetzt zwar keine Kapelle mehr, was die Lorscher jedoch nicht daran hindert, es weiterhin als "Kapellchen" zu bezeichnen.
Die „Königshalle“ erhält ihre heutige Gestalt. Aufwendige Stützen sichern die Statik während der Grabungen östlich des Gebäudes.
Landesamt für Denkmalpflege Hessen
Neugestaltung des Atriums vor 1935. Die Wiederherstellung des nördlichen Treppenturms und die Rückbaumaßnahmen an der „Königshalle“ sind noch nicht ausgeführt.
Landesamt für Denkmalpflege Hessen
Buntes Außendekor, das aus der Kombination einer römischen Mauertechnik und dem wirkungsvollen Farbwechsel der Bausteine erzielt wurde.
Blick durch die „Königshalle“ auf den Kirchenrest.

Man kennt sie nicht nur in Fachkreisen

Die sogenannte „Königshalle“ ist das einzige aus der Karolingerzeit erhaltene Bauwerk des Klosters und hat als eines der bekanntesten Beispiele frühmittelalterlicher Baukunst wesentlich dazu beigetragen, daß der Name Lorsch über den engeren regionalen Raum hinaus ein fester Begriff ist. Ungeachtet des außergewöhnlich guten Erhaltungszustandes des Gebäudes, das im 14. Jahrhundert sein heute wieder gegebenes Erscheinungsbild erhalten hat, verbinden sich noch immer sehr viele Unsicherheiten mit der „Königshalle“. Abgesehen von der schon Anfang des 19. Jahrhunderts konstatierten karolingischen Zeitstellung (seit Georg Moller, 1815) ist sich die Forschung heute noch immer nicht sicher, wann genau und zu welchem Zweck das Bauwerk entstanden ist.

Der Auffassung, die „Königshalle“ sei für Karl den Großen, der 774 als Sieger über die Langobarden aus Italien heimkehrte, erbaut worden, ist in letzter Zeit mit recht überzeugenden Argumenten entgegengetreten worden.

Aus im wesentlichen baugeschichtlichen Argumenten resultiert die Annahme einer im späten 9. Jahrhundert angesetzten Datierung, zeitgleich mit der ecclesia varia, die als Gruftkapelle für die Dynastie der ostfränkischen Karolinger bald nach 876 erbaut worden ist. Möglicherweise hatten beide Bauwerke einen ähnlichen, aus mediterraner Tradition und Mauertechnik schöpfenden Fassadenschmuck, der als durchaus auffällige Besonderheit zumindest im Falle der Gruftkapelle sogar ausschlaggebend für die Namengebung der ecclesia varia (= bunte Kirche) geworden sein könnte. Die von Werner Jacobsen aufgestellte Hypothese gewinnt zusätzliche Wahrscheinlichkeit, wenn wir unterstellen, daß die „Königshalle“ und das sie umgebende große Atrium gleichzeitig entstanden sind und das Atrium gleichsam als architektonischen Rahmen für die „Königshalle“ ansprechen. Das große Atrium setzt das Verschwinden des kleineren, zur ersten Klosterkirche von 774 gehörenden, voraus; es mag ebenfalls in spätkarolingischer Zeit einem um 950 als reparaturbedürftig genannten Vorgängerbau des heutigen Kirchenrestes gewichen sein. Die kunstwissenschaftliche Untersuchung der Malereien im Inneren des Obergeschosses schließen eine Datierung in die Zeit Ludwigs des Deutschen oder seines Sohnes Ludwigs des Jüngeren nicht aus: Das Fragment einer gemalten Inschrift mit beachtenswert qualitätvoller Kalligraphie kann mit den derzeit gegebenen Möglichkeiten der Paläographie in die Zeit zwischen 820 und 900 eingeordnet werden (Sebastian Scholz) - ein Zeitrahmen übrigens, der auch eine frühere Datierung, etwa in das erste Drittel des 9. Jahrhunderts, wie sie Matthias Exner aus der Beobachtung der karolingischen Wandmalereien ableiten möchte, keineswegs ausschließt.

Mit der Funktionsbestimmung der „Königshalle“ sind sogar noch größere Unsicherheiten verbunden. Als von der Architektur römischer Triumphbögen inspiriertes Denkmal des durch Karl den Großen wiederbelebten lateinischen Kaisertums, als Stätte des Gerichts, als Ort herrscherlicher Aufenthalte ist das Gebäude ebenso diskutiert worden wie zuletzt als Bibliothek und schließlich gar als ins Architektonische übertragener Schrein für die öffentliche Ausstellung der im Kloster gehüteten Reliquien. Am meisten Plausibilität dürfte aber derzeit die von Achim Hubel erörterte Möglichkeit für sich beanspruchen, daß die Lorscher „Königshalle“ dem Beispiel einer vergleichbaren Baulichkeit in St. Emmeram (Regensburg) aus dem Umfeld Ludwigs des Deutschen für das nicht zuletzt ja auch liturgisch begangene Ereignis und Zeremoniell des Herrscherempfangs nachgebildet und ausgestattet worden sein dürfte. Damit gewinnt die Vorstellung einer dem Herrscher zugedachten Baulichkeit inmitten des „Prozessionsweges“ zur Klosterkirche zusätzliches Gewicht. Nur eben die Kennzeichnung als profanes Bauwerk müßte dann revidiert werden.

Putz- und Malschichten

Seit der Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist die „Königshalle“ nicht nur Gegenstand detaillierter kunstwissenschaftlicher und baugeschichtlicher Untersuchungen sondern auch umfangreicher konservierender und restaurierender Maßnahmen gewesen, die im Auftrag der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen durchgeführt worden sind. Deutlicher als nach den Rückbaumaßnahmen und Rekonstruktionen der dreißiger Jahre ist heute die Abfolge von mehreren Putz- und Malschichten beschreibbar, von denen immerhin vier auch für den Besucher noch gut nachvollziehbar sind: die älteste, durch das Inschriftfragment auf glattgestrichenem Fugenmörtel belegt, ist erbauungszeitlich; zeitlich eng benachbart folgt auf trockenem Putz die in größeren Partien noch erhaltene Architekturmalerei: Auf einer Art Brüstungsmauer, gegliedert von farbigen Quadraten, stehen farbige Säulchen mit vermutlich ionisierenden Kapitellen. Sie tragen einen aufwendig profilierten Architrav. Knapp oberhalb dieses Architravs wird man sich den ursprünglichen Raumabschluß in Form einer flachen oder vielleicht auch flachgewölbten Decke vorzustellen haben. Bei den konservierenden Maßnahmen im Inneren ging es um den Erhalt originaler Befunde, die sich inselartig über die Wandflächen des Obergeschosses verteilen. Trotz ihres lückenhaften Erhaltungszustandes fällt die Rekonstruktion des ursprünglichen Dekorationsprogramms nicht allzu schwer, das somit eines der am besten bekannten der karolingischen Epoche in Mitteleuropa ist. Die erst in den letzten Jahren beurteilbar gewordene Qualität der Malerei ist beachtlich. Anders als die Rekonstruktionsversuche der dreißiger Jahre, die nun ersetzt werden können, wirkten die Farbflächen der Brüstungsverkleidung und der Säulenschäfte sehr viel lebendiger: Mittels einer Sprenkelung wurde der Eindruck geschliffenen, feinkörnigen Marmors erweckt. Basen und Kapitelle der Säulchen weisen eine feine Binnengliederung auf: Schatten an den Rundungen der Schäfte, Binnenkonturen, die den „bauplastischen“ Details Form und Ausdruck geben. Die Flächen zwischen den Säulen waren weiß getüncht.

Die nächste, zeitlich nachfolgende Schicht steht zwischen dem jüngeren karolingischen Befund und der spätmittelalterlichen Fassung des Raumes. Sie ist nur an einer Stelle, links neben der Nische, zu beobachten: auf einer die karolingische Schicht überdeckenden Schlämme sind Fragmente figürlicher Malerei (sehr wahrscheinlich einer Darstellung des Erzengels Michael) erkennbar. Die nachkarolingische und vorgotische Nische ist möglicherweise derselben Zeit zuzuordnen wie die Malerei der dritten Schicht und ist deutlich als späterer Einbau (einer Altarnische?) erkennbar, durch den das ursprünglich mittlere Fenster der Ostwand zugesetzt wurde.

Die vierte gut erkennbare Schicht bewahrt Reste der spätmittelalterlichen Ausmalung des Raumes. Spätestens um 1380/90 wurde die Dachsituation der „Königshalle“ grundlegend geändert: Die Dachkonstruktion wurde steiler, ebenso die Giebel; im Inneren ersetzte eine Tonne den bis dahin wohl eher flachen Raumabschluß und alle Wandflächen erhielten einen neuen Verputz, auf den dann Szenen aus dem Leben der Gottesmutter Maria dargestellt waren - am besten erhalten auf den Oberflächen des nördlichen Giebels, in Resten aber auch an anderen Stellen.

Alle späteren Putz- und Malschichten stammen aus nachklösterlicher Zeit. Nach einer kurzen Zeit, in der das Gebäude eine Ruine gewesen sein muß, wurde die „Königshalle“ Ende des 17. Jahrhunderts unter Kurfürst Franz Lothar v. Schönborn, dem Mainzer Erzbischof, einer neuen Nutzung als Kapelle zu seiner kleinen Jagdresidenz („Kurfürstliches Haus“ mit seit 1888 abgetragenen Nebengebäuden) zugeführt. Seither erhielt das „Kappellche“, wie die Lorscher Bevölkerung die „Königshalle“ zu nennen gewohnt ist, seinen kleinen Dachreiter zur Aufnahme eines Glöckchens und Einbauten im Inneren: Die Zweigeschossigkeit wurde durch Ausbruch des Fußbodens im Obergeschoß aufgehoben; die sich nach Osten öffnenden Arkadenbögen des Durchgangsgeschosses wurden vermauert, vor die mittlere Arkade kam ein Altar zu stehen, flankiert von Säulen, die einen erstmals 1815 dargestellten Zackenbogen trugen; die westlichen Bögen wurden durch Holzportale verschlossen. Vor den Zugängen zum Obergeschoß entstanden beidseitig kleine, stützengetragene Holzemporen, deren nördliche (nach 1840) durch eine Holztreppe aus dem Inneren erschlossen und deren südliche über die Wendeltreppe der südlichen Treppenapside erreicht werden konnte. Etwas oberhalb der Fenster des Obergeschosses wurde eine stukkierte Flachdecke eingezogen. Wenige Farbreste bezeugen spätbarocke Malereien einfachster Art. Verhängnisvoll wirkte die Vorbereitung der Wandflächen für den barocken Neuverputz: tiefe Kerben und Löcher, mit einer Spitzhacke in die Wände gehackt, sollten dem neuen Putz Halt geben; und an manchen Stellen scheinen die historischen Putzschichten ganz entfernt worden zu sein.

Spätmittelalterliche Form durch Rückbaumaßnahmen

Erst die Rückbaumaßnahmen Friedrich Behns (1935 abgeschlossen) gaben dem Gebäude seine auch heute wieder zu erlebende, spätmittelalterliche Form zurück, mit dem Glockentürmchen als Reminiszenz an die neuzeitliche Kapellennutzung. Die Zweigeschossigkeit wurde wiederhergestellt, der 1840 bei Straßenbauarbeiten abgegangene nördliche Treppenturm wurde auf den noch vorhandenen Fundamenten neu errichtet (wobei auch beobachtet wurde, daß die Treppenapsiden erbauungszeitlich sind und nicht, wie vor Behn angenommen, spätere Anfügungen), nach spätmittelalterlichem Vorbild bildete wieder eine Tonne den Abschluß des Obergeschosses, wodurch die zuvor dem Auge des Betrachters nicht sichtbaren gotischen Malereien wieder zur Geltung kamen. Nach den beobachteten Malereiresten wurde den Wandflächen die (vermeintliche) karolingische Erscheinung wiedergegeben, die nach den neuesten Befunden ebenso zu korrigieren sind wie die Datierung der Nische in karolingische Zeit.

Fassadenschmuck - über mehr als ein Jahrtausend nahezu unverändert

Auch das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt, wenngleich auch der aufwendige Fassadenschmuck der Erbauungszeit über mehr als ein Jahrtausend die „Königshalle“ nahezu unverändert stets als besonderes Bauwerk auszeichnete. Zurecht ist immer wieder auf die Besonderheit des bunten Außendekors hingewiesen worden, das aus der Kombination einer römischen Mauertechnik und dem wirkungsvollen Farbwechsel der Bausteine erzielt wurde. Der bauplastische Schmuck vereint zwei für die karolingische Kunst insgesamt charakteristische Anliegen: den „Klassizismus“, betont im Durchgangsgeschoß durch die den Pfeilern vorgelegten Halbsäulen mit attischen Basen und sehr klassisch wirkenden Kompositkapitellen, bei denen es sich auch um aus römischer Zeit stammende, also als Spolien wiederverwendete Stücke handeln könnte. Ganz anders dann die Behandlung der Fassade des Obergeschosses oberhalb eines Palmettenfrieses, das als einziges Schmuckelement (abgesehen vom Traufgesims) auch an den Schmalseiten des Gebäudes zu beobachten ist. Hier haben wir flach der Fassade aufgelegte kannelierte Pilaster, deren stilisiert und in vielem vergröbert wirkende Kapitelle steile, giebelartig wirkende Simse zu tragen scheinen, die nun ebenso wie die Pilaster nicht mehr unmittelbar auf die antike Formensprache zurückgreifen, sondern wie eine um Stilisierung bemühte Aneignung und „Übersetzung“ antiken Formenguts in die Formensprache der eigenen Gegenwart wirken. Neu sind lediglich die Fenstergewände der drei westlichen und zwei östlichen Fenster des Obergeschosses der „Königshalle“ und die sie umgebenden Schmucksteine, die vermutlich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts einfach verputzte Flächen ersetzten, die noch auf alten Photographien zu sehen sind.

Dr. Hermann Schefers

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