Hochbeete bilden das Zuhause für Kräuter und Heilpflanzen
Meerrettich,
Armoracia rusticane
Kirchenrest und Kräutergarten:
ideale Partner
Schnittlauch,
Allium schoenoprasum
Liebstöckel,
Levisticum officinale

Was die Mönche noch wußten: Kräutergeheimnisse

Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, daß sich alles Notwendige, nämlich Wasser, Mühle und Garten, innerhalb des Klosters befindet...
Aus der Regel des heiligen Benedikt, Kapitel 66

Ein benediktinisches Kloster ohne Gärten, insbesondere ohne Kräutergarten, ist undenkbar. Und Gärten bilden Brücken zwischen Menschen. Vor allem das Interesse am Nutzen der Pflanzen und die Freude an ihrem Duft und ihrer Schönheit führt Menschen zusammen, läßt Ahnungen vom Paradies entstehen. Eine solche Brücke auch zu den Menschen der Vergangenheit zu bauen, die im Kloster Lorsch gelebt haben, schien seit langem wünschenswert, wurde Wunsch, wurde Wirklichkeit - nach manchen Mühen. Stellte sich doch als erstes die Frage nach dem Wo und Wie eines Kräutergartens und den Pflanzen, die im ehemaligen Kloster Lorsch kultiviert wurden.

Vieles liegt noch im Dunkeln und manche Veränderungen mag es in den rund achthundert Jahren gegeben haben, die das Kloster seit dem Jahr 764 existiert hat. Läßt man diese lange Zeit am inneren Auge vorbeiziehen, sieht man aus West, Nord und Süd kommende Mönche, aus Palästina heimkehrende Kreuzfahrer und Abenteurer aus der Neuen Welt ihre gesammelten Pflanzenschätze nach Mitteleuropa bringen und verbreiten. Zu welcher dieser Epochen sollte man die Brücke schlagen?

Die Blütezeit des Klosters in der Karolingerzeit hatte schließlich die größte Anziehungskraft und bot einige Quellen als Basis für die Gestaltung eines Kräutergartens. Jedoch sollte dem Besucher nicht vorgegaukelt werden, daß sich der Kräutergarten schon immer an dieser Stelle befunden und in dieser Zusammensetzung bestanden habe.

Ein „Hortulus“ nach dem Gedicht des Walahfrid Strabo

Angefangen wurde 1981 mit einem kleinen Garten nach dem Gedicht „Hortulus“ des Mönchs Walahfrid Strabo, der später Abt auf der Reichenau wurde. Über das Gärtnern und die 24 Pflanzen seines Gartens hat er in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts berichtet - mit viel Liebe zur Pflanze, aber auch mit Reflexionen über das Arbeiten im Garten und die Heilkraft sowie die Symbolik einiger Pflanzen, aber auch mit Bezügen zur Antike. 444 kostbare Hexameter als früheste poetische Kunde über den Gartenbau im frühen Mittelalter in lateinischer Sprache niedergeschrieben! Eine Handschrift des Gedichts befand sich auch in der Bibliothek des Klosters Lorsch, heute hütet sie der Vatikan. Walahfrid hatte auch Verbindung zu dem später in Lorsch bestatteten König Ludwig dem Deutschen. Gründe genug, ihm stellvertretend für alle gärtnernden Mönche einen Kräutergarten im ehemaligen Kloster Lorsch zu widmen. Die 24 Pflanzen wurden nach dem Vorbild des herbularius im St. Galler Klosterplan in schmalen, rechteckigen Beeten mit dazwischenliegenden Pfaden aufgepflanzt. Es beeindruckt immer wieder, wie sich diese Beetgestaltung wegen ihrer Zweckmäßigkeit bis heute in den Nutzgärten erhalten hat. Im Museumszentrum Lorsch kann man ein Faksimile dieses Idealplans eines frühmittelalterlichen Klosters in Ruhe betrachten.

Ein Buch, das jährlich neu erblüht

Über das Lorscher Arzneibuch als wichtigen Textzeugen über die Heilkunst im frühen Mittelalter wurde schon berichtet. Seiner Pflanzenwelt wurde deshalb der zweite und größere Kräutergarten im ehemaligen Kloster Lorsch gewidmet. Er entstand auf einer vegetationsfreien Fläche im Nordteil des Klostergeländes mit Blick auf den Rest der ehemaligen Basilika. Hier ruhen noch heute die über Jahrhunderte zur letzten Ruhe gebetteten Mönche. Dies ist nicht befremdlich, wenn man weiß, daß auf dem Friedhof im St. Galler Klosterplan Obstbäume vorgesehen sind. Friedhöfe als Gärten des Lebens - dieser Gedanke ist im Jahr 2000 in Lorsch mit Kräuterbeeten anstelle von Obstbäumen im Sinne kreativer Denkmalpflege umgesetzt worden.

Angelegt wurden die Kräuterbeete als Hochbeete - nicht nur zum Schutz der Gebeine, sondern auch für das bessere Erleben der Pflanzen durch ältere Menschen und Behinderte und als Erleichterung für die ehrenamtliche Pflege des Gartens. Diese Hochbeete und die begleitenden langen Sitzmauern wurden als Trockenmauern aus hellen Sandsteinen errichtet, die demselben Heppenheimer Steinbruch entstammen wie viele Steine des Kirchenrestes. Sie konnten beim Abbruch landwirtschaftlicher Gebäude gesichert werden. Dadurch ist ein Ort mit besonderer Atmosphäre entstanden, die nicht nur zum Betrachten und Studieren der Heil- und Würzkräuter, sondern auch zum kontemplativen Verweilen einlädt.

Alte und neue Ideen zur Gestaltung des Gartens

Die Hochbeete orientieren sich in ihrer strengen Form am St. Galler Klosterplan, nicht jedoch in der Höhe und Größe und in der freien Gruppierung der Pflanzen. Dies läßt Spielraum für eine ästhetische Pflanzenkombination, eine freiere Entwicklung der Pflanzen und vor allem bessere Möglichkeiten für Besuchergruppen zum Herantreten an die Pflanzen als in der traditionellen Nutzgartenstruktur. Wer sich für die Heilwirkungen, für Tradition und Wandel in der Verwendung oder Identifikation der Pflanzen des Lorscher Arzneibuches interessiert, kann Informationen hierzu in einer geplanten Broschüre finden - später auch in einer leichter zu aktualisierenden „Audio-Führung“.

Mancher ist erstaunt, Kräuter zu sehen, die er nur oder auch aus der Küche kennt - Basilikum, Bohnenkraut, Thymian, Salbei, Lavendel usw. - eine Anregung zur häufigeren Verwendung als vorbeugende Gesundheitspflege. Vor allem solche „harmlosen“ Kräuter mit Duft oder besonderem Laub stehen im Vordergrund der Beete, gut für die Sinne, gut aber auch für kleine Kinder, falls diese einmal unbemerkt etwas von den Pflanzen abpflücken und essen. Leicht giftige, aber bedeutende und schöne Pflanzen wie die Pfingstrose stehen in der Mitte des Beetes. Pflanzen der Giftigkeitsstufe 3 werden ein abgesperrtes Sondergärtchen erhalten.

Vergeblich wird der Besucher aber nach dem im Lorscher Arzneibuch häufig genannten Zimt, Ingwer, Pfeffer, Curcuma und manch anderer Spezerei suchen. Sie wurden auch im antiken Griechenland und Rom als fertige Drogen aus fernen Ländern, vor allem des Orients, importiert. Eine Ausnahme bildet der herbstblühende Safrankrokus, eine uralte Kulturpflanze, die auch in unserem Klima wachsen kann. Seine getrocknete Narben waren über viele Jahrhunderte ein bedeutender Exportartikel, vor allem der kleinasiatischen Länder, den sich wohl nur wenige Begüterte leisten konnten.

Nicht in Kultur genommen wurden einige Pflanzen, die bereits wild im Klostergelände in der Nähe der Kräuterbeete wachsen. Dazu gehören beispielsweise Efeu, Zaunrübe, die Brennessel, Spitzwegerich, Schöllkraut und Vogelknöterich. Mit Hilfe der geplanten Broschüre wird der Besucher aber auch diese „Kulturfolger“ des Menschen finden und identifizieren können. Diesen Rundgang wird er später in die Ebene ausdehnen können, wo aus ökologischen Gründen die ebenfalls wichtigen Sumpf- und Wasserpflanzen mit Heilwirkung präsentiert werden sollen.

Andererseits wurden viele Heilkräuter in den Garten gepflanzt, die die Mönche vermutlich nur in der freien Natur gesammelt haben. Viele Menschen sind naturfern aufgewachsen, freuen sich aber, die Pflanzen kennenzulernen, deren heilsame Wirkstoffe sie als Pille oder Tropfen zu sich nehmen. Jüngstes Beispiel ist der im August/September prächtig blühende Mönchspfeffer (Vitex agnus castus). Und selbst Walahfrid Strabo berichtet schon in seinem Gedicht, daß er die (wunderschön blühende) Betonie gerne in seinem Garten anbaue, obwohl sie vielerorten in der Umgebung wachse.

Mit Eifer wird auch auf die Erhaltung alter Kulturpflanzen geachtet, selbst wenn sie für die Pharmazie heute ohne Bedeutung sind: Die Rose als Symbol für Christus und die Märtyrer, die Madonnenlilie als Symbolpflanze für Maria und „unblutige Märtyrer“ schmücken im Juni die Kräuterbeete und verbreiten ihren betörenden Duft. Und eine „Kulturpflanze“ ganz anderer Art steht an einem prominenten Platz: der Akanthus, dessen Blattwerk in der Antike zu den korinthischen Kapitellen anregte und als echtes Element der „karolingischen Renaissance“ die Kapitelle der Fassade der „Königshalle“ ziert.

Und mehr...

ist noch zu sagen: das auf dem Mönchsfriedhof zahlreiche sandliebende Pflanzen wachsen, ein Hinweis darauf, daß das Kloster Lorsch auf einem eiszeitlichen Dünenzug errichtet wurde. Mit der Ansiedlung weiterer attraktiver Arten der Sandflora auf der Sandfläche läßt sich somit ein Blick in die Geschichte unseres Raumes werfen, die weiter zurückreicht als die Geschichte der Menschen, die sich auf den Dünen niedergelassen und mit Steinwerkzeugen frühe Kunde ihres Lebens hinterlassen haben.

Zu realisieren sind noch ein Brunnen, an dem sich der Dürstende erfrischen kann und eine mit Weinreben bewachsene leichte Pergola - letztere nicht nur wegen der Bedeutung des Weins als Lösungsmittel bei der Herstellung der Arzneien. Die Weinreben bilden zugleich eine Brücke in eine viel jüngere Zeit. In einem Lageplan aus dem Jahr 1817 sind auf dem Mönchsfriedhof Obstbäume, ein Weinberg und ein kleiner Pavillon mit Blick zum Odenwald eingetragen. Der kleine Platz unter der geplanten Weinpergola mit einer wiederhergestellten Blickbeziehung zur Bergstraße wird die von den Gartenarchitekten sensibel geplante Anlage abrunden. Das ehemalige Klostergelände in der Umgebung der kostbaren „Königshalle“ auch als eine Schnittstelle von Natur und Kultur zu erleben, möge dem Leser Freude bereiten.

Adelheid Platte

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