Die Klosterkirche mit Atrium und „Königshalle“- Rekonstruktionsvorschlag Rudolf Adamys 1891
Lorscher Codex
Lorsch ca. 1170 - 1175
Staatsarchiv Würzburg, Mainzer Bücher verschiedenen Inhalts 72, fol. 2v/ 3r


Hypothetische Rekonstruktion der Klosteranlage um 1150.
Blick von Südosten auf Latrine (?), Klausur und Kreuzgang, Basilika mit Gruftkapelle (links), Hauptkirche, Vorkirche, Zweitumfassade, spätkarolingisches (?) Arium mit „Königshalle“ und Klosterpforte.
asb baudat Bensheim
Grundriß der Klosterkirche und der unmittelbar anhängenden Annexbauten um 1150

1. September 774:
Karl der Große mit großem Gefolge auf dem Weg von Italien nach Fritzlar. In Lorsch wohnte er der Weihe der Nazariusbasilika bei.

Modell einer dörflichen Siedliung
um 800

Ein erster Blick auf eine reiche Vergangenheit

Mit der urkundlichen Ersterwähnung des Klosters Lorsch zu 764, belegt durch den am Ende des 12. Jahrhunderts zusammengestellten Lorscher Codex, tritt uns ein erstes Mal der Ortsname Lorsch entgegen: Lauresham - ein rätselhafter Name, dessen Herkunft bis heute nicht geklärt werden konnte. Jedenfalls steht der Name in keinem erkennbaren Verhältnis zur Klostergründung, so wie das beispielsweise in St. Gallen oder in Seligenstadt der Fall ist, wo die Präsenz von Heiligenreliquien namengebend wirkte. Auch dürfte zweifelhaft sein, daß die ersten beiden Namenssilben (Laures-) eine Erinnerung an die nachweisbare, aber in ihrer Bedeutung nach wie vor zu undeutliche römische Vergangenheit des Ortes bewahren, also romanischen Ursprungs wären und somit deutlich anderer Provenienz als das den Ortsnamen beschließende -heim.

Überhaupt ist noch immer gänzlich unbekannt, wie wir uns die frühmittelalterliche Besiedlung vorzustellen haben, auf die diese Ortsbezeichnung angewandt worden wäre; beobachten läßt sich eigentlich nur, daß Lauresham stets das Kloster bezeichnet und eine außerklösterliche Siedlung mit dem Namen Lorsch von unseren Quellen nur so beiläufig und nebenbei erwähnt wird, so daß wir ihre Entwicklung nicht ohne weiteres nachzeichnen können.

Quellenlage für eine ereignisgeschichtliche Rekonstruktion

Unsere Quellen: Das sind ohnehin fast ausschließlich die chronikalischen Notizen des Lorscher Codex, Kommentare und erklärende Einschübe des hochmittelalterlichen Bearbeiters, dem es in erster Linie darum ging, die für die Geschichte der Lorscher Grundherrschaft und die für die Entwicklung der klösterlichen Rechtsform wichtigen Urkunden historisch einzuordnen und zu kommentieren. Dies geschieht in Form von kleinen Kapiteln, die den entsprechenden Urkunden vor- oder nachgesetzt erscheinen und gleichsam den roten Faden aufzeigen, den entlang die chronologisch (im Unterschied zum topographischen Ordnungsprinzip des Kopialbuches) angeordneten Urkunden ab 764 aufgereiht erscheinen. An die Seite des Lorscher Codex, der heute im Staatsarchiv zu Würzburg verwahrt wird, ist ein Totenbuch des 14. Jahrhunderts (Würzburg, Universitätsbibliothek M.p.th.f. 132) zu stellen, das unter Verwendung älterer, heute verlorener Quellen für das liturgische Totengedächtnis angelegt wurde, aber auch einige chronikalische Hinweise enthält. Hinzu kommen Erwähnungen bedeutsamer Ereignisse oder Persönlichkeiten in Quellen, die nicht in Lorsch entstanden sind. Alles in allem ist die Quellenlage für eine ereignisgeschichtliche Rekonstruktion der klösterlichen Geschichte angesichts der großen Bedeutung der Abtei eher mager; und im Hoch- und Spätmittelalter klaffen große Lücken - zum Teil bedingt durch unerschlossene Quellen (wie vor allem einer späten „Fortsetzung“ des Lorscher Codex bis 1608: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt C1A 17), zum Teil wohl aber auch deshalb, weil sich die Forschung bisher lieber den Blütezeiten des Klosters, also der Karolinger- und Ottonenzeit zuwandte, als sich mit der Epoche des „Niedergangs“ zu beschäftigen, dessen Beginn wechselweise mit dem Klosterbrand des. Jahres 1090 oder mit dem Ende der benediktinischen Ära 1232 in Verbindung gebracht wird.

Zugegebenermaßen wird man das hohe und späte Mittelalter zwar nicht mehr zu den herausragenden Epochen der Geschichte Lorschs zu rechnen haben; aber auch diese Jahrhunderte haben Zeugnisse hinterlassen, die noch immer ein von Wohlstand und religiöser Kultur geformtes monastisches Leben belegen. Und sie haben das Aussehen der durchaus eindrucksvollen spätmittelalterlichen „Klosterstadt“ geprägt, wie sie uns die früheste und einzige authentische Abbildung in einem Stich aus der Werkstatt Matthäus Merians des Älteren überliefert.

Eckdaten zur Ereignisgeschichte

Die Anfänge Lorschs als klösterlicher Niederlassung wirken zunächst recht bescheiden: Da gründen die wichtigsten Repräsentanten einer der bekannten Familien der fränkischen Oberschicht, die Rupertiner Williswinda und ihr Sohn, Gaugraf Cancor, um 764 ein kleines Kloster, vielleicht an der Stelle eines römischen Gutshofes, der von einer Flußschlaufe der früher einmal wesentlich wasserreicheren Weschnitz inselartig eingeschlossen war. Den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht, wurde es 764 kraft des im Frühmittelalter dazu berechtigenden Eigenkirchenrechts an einen Verwandten der Familie verschenkt, an keinen geringeren als Erzbischof Chrodegang von Metz, der in dieser Zeit der einzige Erzbischof nördlich der Alpen ist. Chrodegang, oft und zutreffend als Nachfolger des Heiligen Bonifatius bezeichnet, entsandte die ersten Mönche nach Lorsch - sie kamen aus seiner Gründung Gorze, also aus dem westlichen Frankenreich, und standen von Anfang an unter der Führung seines Bruders Gundeland. Spätestens im Moment der Übereignung des Klösterchens an Chrodegang rückt Lorsch plötzlich ins Rampenlicht der „großen“ Geschichte, wird Bestandteil eines von Chrodegang ausgehenden Programms - und vor allem: es erhält Reliquien, die Chrodegang aus Rom bekommen hatte, Reliquien des Märtyrerheiligen Nazarius.

Kaum jemand dürfte diesen Nazarius gekannt haben, zu dessen Leben und Wirken es keine authentische Überlieferung zu geben scheint; in der Zeit, in der seine Gebeine nach Lorsch transferiert wurden, war das auch nicht so wichtig: Entscheidend war und blieb die Authentizität der Herkunft seiner Reliquien, die Heiligung dieses nur namentlich bekannten Glaubenszeugen durch das Martyrium, die Echtheit der Gebeine, bekräftigt durch die Tatsache, daß sie Chrodegang durch einen hohen päpstlichen Würdenträger, Erzbischof Wilchar von Mentana (und Sens), überreicht worden waren. Entsprechend feierlich war die Übertragung (Translation) der Reliquien nach Lorsch. Und entsprechend vielversprechend gestalteten sich die Konsequenzen: Denn im Besitz der Reliquien eines Heiligen zu sein, war für ein Kloster die sichere Garantie eines raschen ökonomischen Aufstiegs. Nazarius wird als persönlich präsent gesehen, als Rechtsperson, als der eigentliche Eigentümer der Abtei, die nach dem Tode Chrodegangs (766) in den Besitz seines Bruders Gundeland überging. Nicht der Abt und sein Konvent sind also die Begünstigten, wenn jemand dem Heiligen etwas schenkt, sondern der Heilige selbst.

Vom adeligen Eigenkloster zum Königskloster

Und Schenkungen gab es viele: Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung gehört Lorsch zu den reichsten Grundbesitzern östlich des Rheins mit Besitzungen von der heute niederländischen Nordseeküste bis hinunter in die heutige Schweiz in - für das Frühmittelalter charakteristischer - Streulage. Natürlich hatte der übrigens im gesamten Frankenreich beispiellos rasche ökonomische Aufstieg des ursprünglich so kleinen Klosters an der Weschnitz auch ebenso rasche Folgen: 766 entzündete sich an der Frage nach den Eigentumsverhältnissen zwischen Gundeland und dem Sohn des Gaugrafen Cancor ein Rechtsstreit, der jedoch eine Verlegung des rasch expandierenden Klosters an den späteren Ort (767 - 774), und zwar auf eine in römischer Zeit wohl schon genutzte eiszeitliche Flugsanddüne, ein paar hundert Meter Luftlinie von der Weschnitzinsel entfernt, nicht behinderte. Gundeland zog den Streit 772 vor die letztmögliche juristische Instanz, vor den Herrscher, vor Karl den Großen. Karl entschied zu Gunsten Gundelands; und Gundeland sicherte die weitere kontinuierliche Entwicklung der Abtei durch eine traditio der Abtei an Karl den Großen: Er schenkte das Kloster des Heiligen Nazarius, samt allen Grundbesitzes, dem König, der damit neuer Eigentümer der Abtei wird.

Privilegien und Pflichten

Auf diese Weise ist Lorsch von einem adeligen Eigenkloster zu einem Königskloster geworden - ausgestattet zudem mit den Privilegien der Immunität und der freien Abtswahl, begünstigt durch herrscherlichen Schutz. Dem ökonomischen Aufstieg war dieser Schritt Gundelands ganz sicher sehr förderlich. Denn den Heiligen Nazarius zu begünstigen war fortan nicht nur eine Investition in das eigene Seelenheil, sondern auch ein dem Herrscher wohlgefälliger Akt. An den Schenkungen beteiligten sich alle sozialen Schichten der Zeit, bis hinauf in die engeren Kreise um den Herrscher selbst; geschenkt wurde vorwiegend Land und Personal, die Grundlage allen Reichtums.

Freilich hatte Lorsch mit dem Status eines Königsklosters auch Pflichten zu übernehmen, die uns in einem Leistungsverzeichnis, der Notitia de servitio monasteriorum (819), entgegentreten: Gebetsleistungen müssen erbracht werden für den König und die Dynastie, dona annualia werden erwartet, jährliche Abgaben also, und militia müssen erbracht werden, militärische Leistungen, die natürlich nicht von den Mönchen selbst garantiert wurden, sondern von den freien Hintersassen des Klosters. Hinzu dürften weitere Verpflichtungen gekommen sein: Die Versorgung des Herrschers und seiner Funktionäre, wenn sie in der Nähe waren, diplomatische Dienste der Äbte - die üblichen Belastungen also, die eine klösterliche Ökonomie durchaus empfindlich belasten konnten. Deutlich wird aber eben auch, daß ein Königskloster des Frühmittelalters alles andere ist als ein beschaulicher, nur dem Gebet und der Kontemplation gewidmeter Ort am Grabe eines Heiligen. Klöster sind wichtige Punkte der Durchdringung des fränkischen Großreiches mit Herrschaft. Ihre Äbte sind hochangesehene, machtvolle Funktionäre des Hofes und somit in der engsten Umgebung des Herrschers.

Hoher Besuch

Immer wieder in der Geschichte der Abtei des Heiligen Nazarius sind es besonders herausragende Ereignisse gewesen, die diesen Charakter unterstrichen haben: Am 1. September 774 beispielsweise, als Karl der Große mit großem Gefolge auf dem Weg von Italien nach Fritzlar in Lorsch der Weihe der Nazariusbasilika beiwohnte, bei der dem Mainzer Bischof Lul die wohl von Chrodegang geweihte geistliche Elite der Zeit assistierte: Weomad von Trier, Megingoz von Würzburg und der Chef der Hofgeistlichkeit, Bischof Angilramn von Metz. Diese Feierlichkeit unterstreicht den früh erreichten Rang des Klosters. Etwas mehr als ein Jahrhundert später, unmittelbar nach dem Tod König Ludwigs des Deutschen (876), des Enkels Karls des Großen, erlebt das Kloster einen weiteren, für seine Geschichte wichtigen „Staatsakt“: Es wird Grablege des ersten „deutschen“ Königs und seiner Dynastie. Ludwig der Deutsche, sein Sohn Ludwig der Jüngere (gest. 882), sein Enkel Hugo (gest. 879) sind hier bestattet worden; und auch später noch diente die zwischen 876 und 882 errichtete Gruftkirche, die unter ihrem alten Namen ecclesia varia in die Geschichte des Klosters eingegangen ist, als Bestattungsort bedeutender Persönlichkeiten, namentlich der Gemahlin Konrads I., des ersten nichtkarolingischen Königs auf deutschem Thron, Kundigunde (gest. nach 915). Rund zwanzig Herrscherbesuche werden für Lorsch vor 1090 gezählt, 1052 sogar die Visite eines Papstes, Papst Leos IX., der in der Nazariusbasilika, und zwar in der an sie anstoßenden Gruftkapelle der ostfränkischen Karolinger, einen Altar weihte.

Königskloster - dynastische Grablege - Ort häufiger Herrscherbesuche: Das sind natürlich hohe Maßstäbe, die sich nicht an jedes Königskloster des Reiches anlegen lassen. Man begreift das Interesse des Herrschers an den inneren Verhältnissen der Abtei, die Reformforderungen der Zentrale, die zeitweise zu einer Außerkraftsetzung der freien Abtswahl führen (895 - 956) und vom Herrscher eingesetzte Äbte, sogenannte Kommendataräbte, verlangen konnten, unter ihnen so bedeutende Persönlichkeiten wie der Abtsbischof Adalbero von Augsburg oder Erzbischof Brun von Köln, der Bruder Ottos des Großen. Gerade Brun ist es gewesen, der die Voraussetzungen einer neuen Blüte des Klosters geschaffen hat: 951 führte er in Lorsch den ordo Gorziensis ein und baute das Kloster sogar zu einem Zentrum dieser Reformbewegung auf: Corvey, Fulda, St. Gallen, St. Martin (Köln) und Amorbach sind von hier aus im Sinne der Gorzer Bewegung reformiert worden. Otto I. hat Lorsch 956 wieder in die alten Rechte eingesetzt und durch Privilegien wirtschaftlich gestärkt; zwischen 956 und 1067 sind Bensheim (956), Stein (995), Weinheim (1000), das elsässische Brumath (1000), Oppenheim am Rhein (1008) und schließlich Lorsch selbst (1067) Orte, an denen die Abtei über privilegierte Märkte und Münzstätten verfügt. 1067, in derselben Urkunde, die Lorsch Markt- und Münzrecht gestattet, erneuert Heinrich IV. eine Bestätigung der alten Privilegien des Klosters, womit übrigens auch eine Phase der Rechtsunsicherheit beendet wurde, die Heinrich IV. mit dem Projekt herbeigeführt hatte, die Abtei 1065 dem mächtigen Erzbischof von Bremen-Hamburg, Adalbert, zu übereignen.

Abt Udalrich und die Starkenburg

Abt Udalrich von Lorsch hat sich diesem Versuch, die Immunität aufzuheben, energisch zur Wehr gesetzt: In Sichtweite des Klosters entstand die Starkenburg und 1066 erschien Udalrich mit dem gewaltigen Aufgebot von 1.200 bewaffneten Reitern in Trebur, um den jungen Herrscher von seinen Plänen abzubringen. Überhaupt scheint Lorsch unter dem genannten Abt einen dritten Höhepunkt erlebt zu haben, der sich in der Aktivität des Skriptoriums ebenso ablesen läßt wie in der kraftvoll betriebenen Erschließung neuer Siedlungs- und Wirtschaftsräume im Odenwald. Eine in karolingischer Zeit über kleine Anfänge kaum hinausgekommene Rodungstätigkeit des Klosters wird jetzt, in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts systematisch vorangetrieben. Die 1073 nahe der Ruine der Einhardsbasilika in Michelstadt-Steinbach ins Leben gerufene Lorscher Propstei scheint damit zusammenzuhängen, während andere Nebenstellen des Nazariusklosters andere Aufgaben gehabt haben mögen: Zwischen 863 und 875 wurden die Anfänge eines Filialklosters auf dem Heiligenberg bei Heidelberg gelegt, dessen Aktivierung aber erst 1023 so richtig auf den Weg kam, 1071 wurde das nun Altenmünster genannte Lorscher Mutterkloster als Propstei eingerichtet, um 1130 schließlich mag das Kloster Neuburg am Neckar, ebenfalls bei Heidelberg, entstanden sein, das als einziges heute wieder als Benediktinerabtei besteht.

Die Erfolge klösterlicher Politik im 11. Jahrhundert vermögen aber nicht über zwei Phänomene hinwegzutäuschen, die für die weitere Entwicklung bedeutsam sind: Zum einen war der Immunitätsstatus der Abtei angegriffen worden - und das bedeutet in dieser Zeit nicht nur, daß der Herrscher hier von einem ihm zustehenden Recht Gebrauch gemacht hätte, sondern auch, daß die geistliche wie weltliche Reichsaristokratie, die längst teilhatte an der Regierungsgewalt, ihrerseits eine Gefahr für die Immunität eines Klosters wie Lorsch darstellen konnte. Ein weiteres Phänomen ist die stetig abnehmende Verfügbarkeit von Grund und Boden durch das Kloster; die Ursachen hierfür liegen in der Entwicklung des Lehnswesens und in den Möglichkeiten machtvoller Lehnsträger der Abtei, klösterliches Eigentum zu „entfremden“ und zunehmend auch eine eigene „Politik“ zu betreiben, die sich unter Umständen mit den Interessen des Klosters kreuzte.

Ende der benediktinischen Ära

Beide Phänomene stellen den Hintergrund für den Verlust der Immunität des Klosters im Jahre 1229 dar - die Initiative hierfür ging von Erzbischof Siegfried II. von Mainz aus, der 1229 Papst Gregor IX. dazu bewegen konnte, Lorsch dem Erzstift Mainz zu unterstellen, und 1232 Kaiser Friedrich II., dem Immunitätsverlust gegen übrigens heftige Widerstände der Lorscher Benediktinermönche zuzustimmen. Die Durchsetzung des neuen Rechtsstatus ist mit dem Ende der benediktinischen Ära gleichzusetzen, die der Überlieferung zufolge sogar gewaltsam vor sich gegangen ist.

1232 bis 1248 waren Zisterzienser in den Mauern der Abtei, 1248 besiedelten Prämonstratenser aus Allerheiligen im Schwarzwald das Kloster. In ihrer Zeit verlor das Kloster seine einstige Bedeutung und entwickelte sich zu einem eher regionalen Zentrum. Die Vorstellung eines völligen Bedeutungsverlustes ist dennoch nicht gerechtfertigt: Gerade im 14. Jahrhundert dürfte die Propstei noch in der Lage gewesen sein, aufwendige Baumaßnahmen durchzuführen, die das Bild des Klosters, das uns Matthäus Merian überliefert hat, prägen. Zu erinnern ist auch daran, daß Ende des 14. Jahrhunderts die „Königshalle“ ihre auch heute noch gegebene bauliche Gestalt bekam und daß damals die qualitätvollen Fresken (Zyklus aus dem Marienleben) entstanden sind. Wie das im 14. Jahrhundert angelegte Totenbuch bezeugt, bestanden enge Kontakte der Lorscher Prämonstratenser zu anderen Klöstern der nächsten Umgebung, insbesondere mit der Zisterzienserabtei Schönau, nach wie vor zu den alten Lorscher Filialen und zu den Klöstern Münsterdreisen und dem Heiligenberg oberhalb Jugenheim an der Bergstraße, die jeweils in der Schlußphase ihrer Geschichte von Lorsch abhängig waren. Viele Lorscher Kanoniker versahen die Pfarrstellen der Region, einige der uns bekannten Pröpste gehören zu den namhaften Familien, die auch zu den späten Förderern der Propstei zählen.

Die Gemeinschaft der Lorscher Prämonstratenser erlebte 1461 die Verpfändung des Klosters an die Kurpfalz, in deren Verfügung Lorsch auch 1556 noch war, als Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz in seinem Herrschaftsbereich die Reformation durchsetzte und die Klöster auflöste. Erst 1623 ist Lorsch wieder an das Erzstift Mainz zurückgekommen; damals aber war aus der einst blühenden Stätte monastischen Lebens längst ein Trümmerfeld geworden: 1621 verwüsteten spanische Truppen die Klosteranlage, die seither über viele Jahrzehnte als Steinbruch für die gesamte Region diente.

Zur Kulturgeschichte der Abtei Lorsch

So sehr man sich das Kloster Lorsch gerade in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte als ein auch im politischen Sinne machtvolles Zentrum vorstellen kann, so wichtig ist aber andererseits auch eine angemessene Berücksichtigung seiner kultur- und geistesgeschichtlichen Bedeutung.

Es fällt durchaus auf, daß Lorsch, unter direktem Einfluß des Hofes und der Metzer Kathedrale in kürzester Zeit eine Besonderheit herausbildet: ein leistungsfähiges Skriptorium, verbunden mit einer schon sehr bald sehr gut bestückten Bibliothek. Was an anderen Orten Jahrzehnte dauerte, vollzog sich in Lorsch binnen weniger Jahre; und gerade in den neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts, kaum eine Generation nach der Gründung der Abtei, läßt sich mit Bestimmtheit nachweisen, daß Lorsch Anteil hat an den anspruchsvollen bildungspolitischen Plänen des Hofes, einem Programm, das von ganz entscheidender Bedeutung dafür wurde, welche Wege die kulturgeschichtliche Entwicklung des Abendlandes fortan nehmen sollte. Die relativ kurze karolingische Epoche hat dabei eine ganz wesentliche Rolle gespielt, sie ist das vermittelnde Glied zwischen der Antike und dem Mittelalter. Das Bildungsprogramm, das am Hof entwickelt wurde, wäre nur Programm und Theorie geblieben, hätten nicht einige wichtige Zentren diese Ideen umgesetzt, mit Inhalten gefüllt, und schließlich weitergegeben.

Lorsch ist in diesen Jahrzehnten ein solches Zentrum: Auf die Forderung der Hofgelehrten, künftige Kleriker mit Grundwissen in der bis dahin als heidnische Diziplin beargwöhnten Arzneimittelkunde auszustatten, reagiert das Lorscher Arzneibuch mit seinem Vorwort, das zu den Schlüsseltexten der sogenannten karolingischen Renaissance gerechnet werden kann; auf die Forderung, im Interesse eines vertieften Eindringens in die Weisheiten und die Schönheit der Heiligen Schrift die heidnischen Klassiker, vor allem die Poeten zu studieren, antwortet Lorsch mit einer bemerkenswerten Rezeption des römischen Dichterfürsten Vergil. Wären die Inhalte der heute auf weltweit 54 Orte in 17 Ländern verstreuten Lorscher Bibliothek, von der sich immerhin noch rund dreihundert Handschriftenbände erhalten haben, besser erforscht, könnte man wohl weitere Beispiele anführen. Lorsch ist - und das wird man zumindest für das zu Ende gehende 8. Jahrhundert mit gutem Gewissen sagen können - ein besonders aktives Zentrum der Verdichtung allen erreichbaren Wissens der Zeit, über seine Äbte „vernetzt“ mit der geistigen Elite des Reiches. Ob es auch ein Ort der Vermittlung von Wissen war, können wir nicht mit derselben Bestimmtheit sagen - zu spärlich sind die (immerhin vorhandenen) Spuren eines klösterlichen Schulbetriebes und, merkwürdigerweise, die Belege für eigene literarische Produktionen. Umso imponierender bleibt der geradzu enzyklopädische Bestand der Bibliothek des Heiligen Nazarius. Noch viele Jahrhunderte später, in der Spätphase der Abtei, sind viele Gelehrte nach Lorsch gekommen: Gelehrte Professoren der Heidelberger Universität, nach Klassikertexten suchende Humanisten im 15. und 16. Jahrhundert. Man begreift das Interesse des Kurfürsten Ottheinrich, sich bei Gelegenheit der Auflösung des Klosters (wohl 1556/1557) sofort der noch vorhandenen Bibliothek zu versichern und sie seiner Hof- und sie in Universitätsbibliothek, der berühmten „Palatina“, einzureihen.

Dr. Hermann Schefers

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