Seite aus der ältesten Vergilhandschrift der Lorscher Klosterbibliothek.
Italien, ca. 500.
Biblioteca Apostolica Vaticana, Pal. lat. 1631, fol.15v
Beginn der Aeneis in der ältesten bekannten ostfränkischen Abschrift,
Lorsch (?), um 800,
Paris, Bibliothèque Nationale de France,
Lat. 7906, fol. 59'
Die im späten 15. Jahrhundert in Deutschland enstandene und wenig später in Lorsch benutzte Vergilhandschrift belegt auch für die Spätzeit des Klosters Interesse für die Klassiker.
Biblioteca Apostolica Vaticana,
Pal. lat. 16355, fol 68'

Zur Klassikerrezeption eines karolingischen Klosters: Vergil in Lorsch

Diß Closter hat gar ein alte Liberey gehabt / dergleichen man in gantzem Teutschland nicht gefunden hat. Aber die alten Bücher sind zum mehrertheil darauß verzuckt worden. Ich hab Bücher darinn gesehen / die soll Vergilius mit eigener Hand geschrieben haben -

Sebastian Münster (1488 - 1552), der aus Ingelheim am Rhein stammende Humanist, hätte sich also beinahe einen großen Bären aufbinden lassen - ein Manuskript von des römischen Dichterfürsten eigener Hand im Kloster Lorsch?
Der gelehrte Mann war zwischen 1524 und 1527 Professor in Heidelberg und in dieser Zeit mag der angesehene Hebraist und Philologe gelegentlich auch in Lorsch gewesen sein, um in den Bänden der berühmten Liberey (Bibliothek) zu forschen, die wenige Jahrzehnte später durch Kurfürst Ottheinrich nach Heidelberg überführt werden sollte.

Zweifellos hat man Sebastian Münster den heutigen Palatinus Latinus 1631 gezeigt, eine tatsächlich noch antike Handschrift der Zeit um 500, die in der Überlieferungsgeschichte der Vergiltexte als Handschrift „P“ eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Geschrieben wurde sie in einer sogenannten Capitalis rustica, einer in der Spätantike gern verwendeten Großbuchstabenschrift, die man im Frühmittelalter geradezu als vergilianische Schrift (litterae Vergilianae) bezeichnete. Dies dürfte an der Fülle antiker Vergilhandschriften liegen, die in karolingischer Zeit nicht nur noch zu bekommen waren, sondern auch besonders beachtet wurden.

Vergil, bedeutendster Dichter lateinischer Sprache

Denn Vergil (70 - 19 v.Chr.) galt nicht nur seinen Zeitgenossen, sondern bis in die Neuzeit hinein als der bedeutendste Dichter lateinischer Sprache überhaupt; für die gesamte erzählende Dichtung des Lateinischen ist Vergils Aeneis Vorbild gewesen, heidnische wie christliche Autoren benutzten die Werke Vergils, zu denen auch Hirtengedichte (Bucolica) und Gedichte vom Landleben (Georgica) gehören, fast wie eine Enzyklopädie damals verfügbaren Wissens. Die Sprache Vergils war zu allen Zeiten Maßstab für elegantes Latein in seiner höchsten Vollendung, und am Hof Karls des Großen gehörten die Werke Vergils zum jederzeit verfügbaren Bildungsgut; zahlreiche Schriften bedeutender Hofgelehrter bezeugen, daß hie und da eingestreute Vergilzitate gerne gesehen und gut verstanden wurden. Als Zeichen enger Verbundenheit kursierten gar Namen aus der Aeneis als höfische Pseudonyme.

Gerade die Geschichte von Aeneas, der sich aus dem brennenden Troja rettet, nach mühevollen Irrfahrten, Abenteuern und Kämpfen auf italischem Boden Fuß faßt und dort gewissermaßen zum Stammvater des römischen Weltreiches wurde, bedeutete nicht nur den Römern, sondern auch den sich in römischer Tradition sehenden Franken so etwas wie eine Darstellung und Deutung der eigenen mythisch-historischen Vergangenheit.

Wie kam das Manuskript nach Lorsch?

Die älteste Vergilhandschrift, die das Kloster besaß, stammt also noch aus dem ausgehenden fünften oder ganz frühen sechsten Jahrhundert, einer Zeit, in der sich gerade prominente Grammatiker und Kommentatoren dieses „römischen Nationalepos“ besonders annahmen. Wie dieses Manuskript aber nach Lorsch kam, wissen wir leider nicht. Es kann sein, daß das Kloster es irgendwann gekauft hat, so wie einige andere, zum Teil sehr alte und wertvolle Bücher, vermutlich in Oberitalien für die Klosterbibliothek erworben sein könnten.

Aber auch eine andere, viel aufregendere Möglichkeit scheint denkbar: In einem Brief an Karl den Großen erwähnt der bedeutende angelsächsische Gelehrte Alkuin (ca. 730 - 804) einen Vergil der Hofbibliothek Karls; und aus Einhards (ca. 770 - 840) Biographie Karls des Großen wissen wir, daß diese Privatbibliothek nach Karls Tod im Jahre 814 verkauft und der Erlös den Armen gegeben werden sollte. Und 814 war gerade ein in Lorsch gebildeter junger Kleriker namens Gerward Nachfolger Einhards in der Leitung der Hofwerkstätten, des Baubetriebs und der Hofbibliothek geworden. Es ist derselbe Gerward, den der Historiker Heinz Löwe mit gutem Recht als einen der Verfasser der sogenannten Xantener Annalen ansieht, dessen Familie zu den Wohltätern des Klosters des Heiligen Nazarius gehörte und der seine eigene Bibliothek dem Kloster Lorsch vermacht hat. Es kann durchaus sein, daß Gerward den 814 zur Disposition stehenden Vergil aus der kaiserlichen Bibliothek erworben hat und ihn später (zusammen mit einigen anderen wertvollen Manuskripten) dem Kloster, in dem er seine Jugend verbracht und wo er sich seine Empfehlung an den kaiserlichen Hof verdient hat, vererbte.

Dies wäre eine von mehreren möglichen Erklärungen, wie der Palatinus Latinus 1631, der heute zu den besonders sorgsam gehüteten Schätzen der Vatikanischen Bibliothek gehört, nach Lorsch gelangt sein könnte.

Weitere Vergil-Handschriften...

Auch die älteste auf deutschem Boden entstandene Vergilhandschrift gehörte dem Lorscher Kloster und ist dort im späten achten Jahrhundert geschrieben worden. Bernhard Bischoff vermutete, daß dieser Vergil zu den vier ältesten in Lorsch entstandenen Manuskripten gehört haben kann, und daß seine Entstehung irgendwie mit Abt Richbod von Lorsch (? - 804) zusammenhängen dürfte, der mit dem Hof und dort vor allem mit Alkuin, in enger Verbindung stand. Richbods Vorliebe für Vergil war in höfischen Kreisen schon fast sprichwörtlich, und in einem liebevoll-ungehaltenen Brief Alkuins an Richbod lesen wir den halb bitteren, halb scherzhaften Vorwurf, daß Richbod über seinem Vergil wohl ihn, Alkuin, ganz vergessen habe, und der alte Angelsachse ruft grambewegt aus: „O si mihi nomen esset Virgilius!" (O wenn mein Name Vergil wäre!).

Es ist also gar nicht unwahrscheinlich, daß die heute in der Pariser Nationalbibliothek in zwei Fragmenten aufbewahrte Handschrift (Lat. 5018, foll. 78ff. und Lat. 7906, foll. 59 - 88) tatsächlich auf Richbods Vorliebe für den römischen Dichter zurückgeht, daß er die Abschrift - vielleicht von einem höfischen Exemplar genommen - in Auftrag gegeben hat, um seinen geliebten Vergil auch in Lorsch immer greifbar zu haben.

Eine weitere hochinteressante karolingische Vergilhandschrift, heute in der Herzog August Bibliothek zu Wolfenbüttel (66 Gud.lat.), vertritt eine recht eigenartige Gruppe von Manuskripten, die eine enge Verbindung ihres Schreibstiles zwischen dem Kloster Lorsch und dem Kloster St-Vaast im heute nordwestfranzösischen Arras erkennen läßt. Anders als der im Ersten Weltkrieg gefallene Historiker Daniel Neundörfer in seiner 1920 posthum veröffentlichten Dissertation, anders auch als Karl Glöckner, der Herausgeber des Lorscher Codex, hat Bernhard Bischoff gerade diese Handschriftengruppe, zu der auch der Wolfenbütteler Vergil gehört, als Hinweis darauf gesehen, daß der Lorscher Abt Adalung (? - 837) tatsächlich identisch sein muß mit dem gleichnamigen Abt von St-Vaast.

Ein unter Abt Adalung aus Arras nach Lorsch gekommener Mönch mag also den Wolfenbütteler Vergil von einer in Lorsch verfügbaren Vorlage abgeschrieben haben, im Auftrag Adalungs, der zum engeren Kreis um Karl den Großen und Ludwig den Frommen gehörte und das nur bei Einhard überlieferte Testament des Herrschers mitunterzeichnete, dessen wohl ältester Textzeuge wiederum in Lorsch entstanden ist (Pal.lat. 243).

Am Schluß der Reihe Lorscher Vergilhandschriften steht ein wohl in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts schon auf Papier geschriebener Vergil (Pal.lat. 1635) - ein qualitätvolles Manuskript von einer sehr geübten Hand, die man allerdings außerhalb des Klosters wirksam glaubt. Mit dieser Handschrift ist noch lange gearbeitet worden - viele zwischen den Zeilen und an die Ränder geschriebenen Notizen bezeugen, daß auch in der Spätphase des Klosters die Bildung und die Freude an schönem Latein nicht vergessen war. Überhaupt sollte man die Leistungen des Lorscher Skriptoriums auch in nachbenediktinischer Zeit nicht zu gering beurteilen - es gibt aus den drei Jahrhunderten vor der Aufhebung des Klosters in der Reformation durchaus noch schöne Beispiele für Lorscher Handschriften, deren systematische Untersuchung noch aussteht.

Dr. Hermann Schefers

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