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Der Evangelist Matthäus und der Beginn des Argumentums zu Mathäus mit Darstellung der Vorfahren Christi.
Alba lulia,
Biblioteca Batthyáneum,
Ms. R. II. I. p. 26/27
(fol. 13v/14')
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Maiestas Domini.
Alba lulia,
Biblioteca Batthyáneum,
Ms. R. II. I. p. 36 (fol. 18v)
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Erste Kanontafel.
Alba lulia,
Biblioteca Batthyáneum,
Ms. R. II. I. p. 13 (fol.7')
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Marientafel des Lorscher Evangeliars.
London, Victoria & Albert Museum,
Inv.-Nr. 138-1866
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Alba lulia
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Das Lorscher Evangeliar, eine Zimelie der Buchkunst des abendländischen Frühmittelalters
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Das Lorscher Evangeliar ist eine prachtvoll ausgestattete, ganz in Goldtinte geschriebene Evangelienhandschrift, die nach derzeitigem Forschungsstand als jüngste einer bedeutsamen Reihe von Prachthandschriften aus dem Hofskriptorium Karls des Großen gilt und allgemein um das Jahr 810 datiert wird. Mit seinen beiden, je fünfteiligen Elfenbeindeckeln stellt es geradezu ein Gesamtkunstwerk dar; zugleich vereint es nahezu alle stilistischen Einflüsse, die auf die karolingische Kunst eingewirkt haben. Somit gehört das Lorscher Evangeliar zu den bedeutendsten Manuskripten des abendländischen Frühmittelalters. Schon die reich dekorierten Textspalten einer jeden Seite, geschrieben in einer feierlich anmutenden Uncialis, sind an sich sehr bemerkenswert; bedeutsam ist der Codex aber vor allem wegen seiner ganzseitigen Illustrationen: der wundervollen Kanontafeln, der vier Evangelistenbilder, der Initialseiten zu den vier Evangelien und - zu Beginn des Matthäusevangeliums - auch der einander gegenüberstehenden Purpurseiten.
Das Erbe der Antike beherrscht den Eindruck, der von jeder Seite des umfangreichen Codex auf den Betrachter ausgeht, diese Handschrift ist schnell als in jeder Hinsicht außergewöhnliches Objekt begreifbar, dessen Bedeutung über die eines sakral-liturgischen Zwecken dienenden Buches jedenfalls hinausgeht. Vielleicht bieten die spezifisch karolingischen Positionen in der Auseinandersetzung mit dem Byzantinischen Bilderstreit (726 - 843) eine Möglichkeit der Erklärung; immerhin bewahrt das umfangreichste fränkische Gutachten zum Thema, die Libri Carolini, die von den Hoftheologen Karls des Großen die theologisch gut durchdachte Überzeugung, daß es Objekte (res) gibt, die mittelnd zwischen Gott und den Menschen stehen, Medien des Wirkens Gottes: liturgische Gerätschaften zählen ebenso dazu wie die Reliquien der Heiligen, das Zeichen des Kreuzes, und - die Bücher der Heiligen Schrift. Die meisten dieser Objekte sind zwar von Menschenhand gemacht, haben aber eben diese mediale Wirksamkeit, die allein dafür ausschlaggebend ist, ob der gläubige Mensch ihnen Verehrung (adoratio, veneratio) erweisen darf. Für die Bilder im engeren Sinne gilt dies nach fränkischer Auffassung nicht, denn sie sind keine geheiligten Objekte (res sacratae). Angesichts der theologisch begründeten Bedeutung, die natürlich auch dem Evangeliar zukommt, nimmt es kaum mehr Wunder, warum dieses Manuskript so außerordentlich aufwendig gestaltet ist. Vielleicht hat im Falle des Lorscher Evangeliars der Charakter eines geheiligten Gegenstandes die eigentliche Funktion als in der Liturgie einzusetzenden Buches sogar überwogen: Dafür spricht der ungewöhnlich gute Erhaltungszustand der Handschrift, die kaum Gebrauchsspuren zeigt.
Das Lorscher Evangeliar diente als kostbarer Bestandteil des Klosterschatzes sicherlich aber auch der Erinnerung an den Herrscher, dem die Abtei das Manuskript wohl zu danken hatte - als Erinnerung, vielleicht auch als Auftrag; denn das Evangeliar bewahrt einen bemerkenswert sauberen Vulgata-Text und die sehr qualitätvolle karolingische Minuskel seines am Ende der Handschrift stehenden Capitulare Evangeliorum dürfte, nach den Überlegungen Bernhard Bischoffs, sogar den ab 820 feststellbaren jüngeren Lorscher Schreibstil beeinflußt, wenn nicht sogar angestoßen haben.
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Eine Geschichte, spannend wie ein Krimi...
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Vermutlich kam die kostbare Handschrift unter Abt Adalung (804 - 837) vom Hof Karls des Großen oder Ludwigs des Frommen nach Lorsch, wo sie erstmals in einem um 860 zu datierenden Katalog der Klosterbibliothek des neunten Jahrhunderts als illustriertes Evangeliar, mit Gold geschrieben und mit elfenbeinernen Einbanddeckeln (euangelium pictum, cum auro scriptum, habens tabulas eburneas) als erstes der liturgischen Bücher im Besitz des Klosterheiligen Nazarius genannt wird. In Lorsch, der großen Königs- und Reichsabtei, hat dann die Handschrift auch die Jahrhunderte überstanden - auch den schrecklichen Klosterbrand von 1090. Im Jahre 1479 wurde sie unter dem Prämonstratenserpropst Eberhard von Wasen neu gebunden - der Eintrag des Buchbinders ist der letzte Nachweis für das Vorhandensein der kostbaren Handschrift in Lorsch.
Das Lorscher Evangeliar gelangte nach der Aufhebung des Klosters 1556 durch Ottheinrich, den bibliophilen Kurfürsten der Pfalz (1556 - 1559), zusammen mit vielen anderen wertvollen Büchern aus der alten Klosterbibliothek in die Heidelberger Hof- und Universitätsbibliothek, die berühmte Bibliotheca Palatina, und mit ihr sollte es 1622/1623 als Kriegsbeute Herzog Maximilians I. von Bayern (1597 - 1651) dem Papst, Gregor XV. (1621 - 1623), geschenkt werden. Vermutlich doch erst in Heidelberg in zwei Hälften geteilt, denen jeweils eine Elfenbeintafel vorgebunden gewesen sein mag, gelangten die beiden Hälften nach Rom. Hier schon scheinen sich die Wege der beiden Teile des karolingischen Evangeliars getrennt zu haben: Der zweite, weniger schmuckvolle Teil, erreicht zusammen mit der sogenannten Christustafel die päpstliche Bibliothek, wo er auch heute noch als Palatinus 50 zu den Zimelien der Biblioteca Apostolica Vaticana gehört und sorgsam verwahrt wird. Die Christustafel wurde von der Handschrift getrennt und wird heute in den Vatikanischen Museen gezeigt.
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Abenteuerlicher Weg der Elfenbeintafeln
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Ungleich abenteuerlicher aber war das Schicksal des ersten, reich dekorierten Teiles mit seiner die Gottesmutter darstellenden Elfenbeintafel: Der griechische Gelehrte Leone Allacci (1586 - 1669), der 1623 den von bewaffneten Reitern eskortierten Abtransport der Palatina von Heidelberg nach Rom zu organisieren und zu überwachen hatten, mag der Versuchung nicht standgehalten haben, Bücher aus dem reichen Bestand in seine eigene Bibliothek abzuzweigen. Zwölf von insgesamt 196 Bücherkisten will Allacci angeblich als Geschenke empfangen haben - er vermachte sie später dem Collegium Graecum in Rom, das seinerseits Teile seiner Bibliothek verkaufte. Und diesen Weg könnte nun auch der erste Teil des Lorscher Evangeliars gegangen sein, dessen Verbleib 1711 schon nicht mehr allgemein bekannt war. Wahrscheinlich wurde er damals schon in einer römischen Privatbibliothek sorgsam gehütet (und verborgengehalten). Vor 1785 wurde die Elfenbeintafel von der Handschrift getrennt. Sie war Vorlage für einen Mitte des 18. Jahrhunderts entstandenen Kupferstich - das karolingische Original tauchte erst 1853 anläßlich der Versteigerung der Sammlungen des Prinzen Soltikoff wieder auf, gelangte nach England, wo sie ihre letzte Bleibe fand und sich noch heute befindet.
Der zu dieser Elfenbeintafel gehörende erste Teil des Lorscher Evangeliars, inzwischen seines Elfenbeins beraubt, gelangte irgendwann vor 1785 in den Besitz des österreichischen Kardinals Christoph Bartholomäus Anton Migazzi, Graf zu Wall und Sonnenthurm (1714 - 1803), der sich, damals noch als Wiener Erzbischof, im Jahre 1785 von dem kostbaren Manuskript (nebst weiteren 8000 Büchern) trennte und es dem seit 1780 für Siebenbürgen zuständigen ungarischen Bischof Ignaz Graf Batthyány (1741 - 1798) verkaufte, wohin die Handschrift über das ungarische Vác (Waitzen), wo sich ein Teil der Bibliothek Migazzis (und mit ihm vielleicht auch das Evangeliar?) befunden hatte, gelangte.
Bischof Batthyány, ein übrigens nicht unbedeutender Kirchenrechtler und Gelehrter, übernahm 1792 Gebäude und Kirche des 1784 durch Kaiser Joseph II. (1765 - 1790) aufgehobenen Trinitarierordens inmitten der Festung Karlsburg (ungarisch Gyulafehérvár, rumänisch Alba Iulia) und richtete hier das Zentrum einer kleinen Gelehrtenakademie ein, die 1792 eine Sternwarte und 1794 die nach ihrem Stifter benannte Bibliothek erhielt. Die Unterbringung der anspruchsvollen Büchersammlung erfolgte bald nach Batthyánys Tod in einem hübschen, frühklassizistischen Gestühl in der ehemaligen Klosterkirche. Hier steht noch heute knapp die Hälfte der insgesamt etwa 64.000 Bücher der Bibliothek. Der erste Teil des Lorscher Evangeliars war schon immer die kostbarste der westlich-lateinischen Handschriften, deren Bestand den heute größten in Rumänien überhaupt darstellt.
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Wiederentdeckung der kostbaren Handschrift
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Bis 1918 ein Teil des Königreiches Ungarn, erlebte das alte Gyulafehérvár nach dem Ersten Weltkrieg die Zusammenführung Siebenbürgens und des Königreiches Rumänien, das 1945 der Sozialistischen Republik wich. Seit 1961 ist das Batthyaneum in Alba Iulia eine Filiale der rumänischen Nationalbibliothek in Bukarest. Seit dem Zusammenbruch des Ceausecu-Regimes im Dezember 1989 wurden Fragen nach dem zuletzt 1964 nach Aachen ausgeliehenen Evangeliar nicht mehr beantwortet. Die Fachwelt ging seither davon aus, daß in den Wirren der Revolution auch das wertvollste Buch der traditionsreichen Bibliothek für immer verlorengegangen sei. So hielt auch der angesehene Heidelberger Mittellateiner, Walter Berschin, in seinem 1992 erschienenen Buch Die Palatina in der Vaticana (S. 28) den ersten Teil des Lorscher Evangeliars für vemißt.
Nahezu unbeachtet gelang indes 1992 die Wiederentdeckung der kostbaren Handschrift. Die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen ließ daraufhin das komplette Manuskript vor Ort photographieren - damals noch in der Absicht, besonders schöne Seiten des Codex für Einzelblattfaksimilierungen vorzubereiten.
Inzwischen sind die kühnsten, 1992 noch völlig unrealistisch erscheinenden Hoffnungen wahr geworden: 1999 war es möglich, den ersten Teil der Handschrift erstmals seit 1964, sechs Doppelblätter aus der vatikanischen Hälfte des Codex und die vatikanische Elfenbeintafel im Rahmen einer vielbeachteten Sonderausstellung im Museumszentrum Lorsch zu zeigen; 2000 erschien das erste komplett farbig reproduzierte Vollfaksimile mitsamt der originalgetreuen Reproduktion beider Elfenbeintafeln und einem Kommentarband, der die Ergebnisse eines 1999 in Lorsch abgehaltenen fachwissenschaftlichen Symposiums vereint.
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Dr. Hermann Schefers
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