Bienen, Wachs und Kerzenziehen

„Sizi, sizi bina!“ Mit dieser beschwörenden Formel, Bestandteil des berühmten, in althochdeutscher Sprache geschriebenen Lorscher Bienensegens aus dem 10. Jahrhundert, fordert ein uns unbekannter Schreiber einen ausgeflogenen Bienenschwarm auf, sich zu setzen (und einfangen zu lassen). Zu kostbar sind die Produkte der Honigbiene, als daß man sich den neugebildeten Schwarm entgehen lassen könnte! Honig, das einzige Süßungsmittel, wegen seiner antibakteriellen Wirkung als Heilmittel wichtig, das von den Bienen produzierte Kittharz Propolis, ebenso wie Wachs für Kerzen, Gefäßverschlüsse oder als Bestandteil von Salben, Pillen, Pflastern: Lange vor den Lorscher Mönchen wußte man den Fleiß des emsigen Insekts zu schätzen und zu nutzen.

Nicht zu jeder Zeit zeigen sich unsere „Klosterbienen“ in Bestform; das ganze Jahr aber können wir historische Bienenstöcke und allerhand Zubehör zeigen. Auf Wachstafeln kann nachvollzogen werden, wie im Mittelalter Notizen gemacht und Schreiben geübt wurde. Im Sommer kann man sehr interessante Beobachtungen am „lebendigen Objekt“ vornehmen und das emsige Getümmel eines Bienenschwarms in einem Lehrbienenstand erleben. Das Herstellen von Kerzen aus echtem Bienenwachs bietet sich vor allem für die kalte Jahreszeit an; sie können selbst gezogen werden. Das ganze Jahr interessant ist die Beschäftigung mit dem Lorscher Arzneibuch, das uns viel über die Bedeutung von Wachs und Honig in der frühmittelalterlichen Medizin verrät.

Kirst imbi ist hucze
nu fliuc du uihu minaz hera
fridu frono in munt godes
gisunt heim zi comonne
sizi sizi bina
inbot dir sancte maria
hurolob ni habe du
zi holce ni fluc du
noh du mir nindrinnes
noh du mir nintuuinnest
sizi uilu stillo
uuirki godes uuillon

althochdeutsch, Lorscher Bienensegen aus dem 10. Jahrhundert

Was die Mönche noch wußten: Kräutergeheimnisse

Bereits im frühen Mittelalter stellten Kräuter eine wichtige Nahrungsergänzung dar, zugleich bildeten sie die Grundlage der Heilkunst dieser Zeit. Kaum denkbar wäre ein Kloster ohne Kräutergarten! Das Wissen der Mönche stützte sich oft auf überlieferte antike Rezepte. In karolingischer Zeit - der früheste Beleg, das Lorscher Arzneibuch, stammt aus der Zeit um 795 - schafft die Medizin den schwierigen Schritt von der antik-heidnischen Wissenschaft zum Betätigungsfeld christlicher Nächstenliebe. Viele heimische Wildkräuter wurden kultiviert, ihre Heilwirkung erprobt. Antikes Wissen konnte durch neu gewonnene Erkenntnisse erweitert, exotische Heilpflanzen durch einheimische Kräuter ersetzt werden. Die meisten Menschen des Mittelalters hatten ein großes Wissen über Wirkkräfte aus der Natur, das auch heute wieder an Interesse und Bedeutung gewinnt.

Eine Führung durch Parkanlage und Kräutergärten bietet unseren jungen Gästen die Möglichkeit, tiefer in das Thema einzusteigen und die Besonderheiten dieser Anlage kennen zu lernen. Es darf betastet, geschmeckt und erschnuppert werden! Natürlich besteht im Anschluss die Möglichkeit, neu gewonnene Erfahrungen zu vertiefen. Es können frische Tees aus selbst zusammengestellten Kräutermischungen gekocht und einfache Rezepturen aus dem Lorscher Arzneibuch angefertigt werden.

Im Lorscher Klosterpark gibt es zwei Kräutergärten: das kleine Gärtlein nach dem Kräutergedicht des Reichenauer Abtes Walahfrid Strabo und der neue, große Kräutergarten nach dem Lorscher Arzneibuch. Beide bieten eine ideale Möglichkeit, Natur mit allen Sinnen zu erleben.

zum Textanfang