Geschichte zum Anfassen

Über Jahrhunderte war das ehemalige Kloster Lorsch ein kultureller, wirtschaftlicher und auch politischer Knotenpunkt im Europa der Karolinger, Ottonen und Salier. Die heute in alle Welt verstreute Bibliothek, Tausende von Schenkungen von den heutigen Niederlanden bis hinunter in die Schweiz, und seine Rolle als politisches Zentrum der jeweils herrschenden Dynastien ließen Lorsch zu einem sehr bekannten Zentrum der klösterlichen Landschaft Mitteleuropas werden. Als wichtiger Punkt frühmittelalterlicher „Kulturpolitik“ war Lorsch mitentscheidend, was vom Wissen der Antike für die abendländische Kultur überliefert wurde und was nicht.

Kurz vor 764 gegründet, wurde das Eigenkloster der Rupertiner bereits 772 zu einem Kloster des Königs, der seine Abtei mit vielen Privilegien ausstattete, unter anderem einer frühen Form der Reichsunmittelbarkeit, durch die das Kloster unmittelbar dem Herrscher unterstellt war. Reliquien des Heiligen Nazarius sicherten der Abtei die im Lorscher Codex aufgeführten vielen Schenkungen, die das Kloster in sehr kurzer Zeit sehr reich werden ließen. Schon wenige Jahre nach seiner Gründung wurde das Kloster von seinem ursprünglichen Standort (später „Altenmünster“ genannt) auf die nahegelegene Düne verlegt, wo eine sehr viel größere und repräsentative Klosteranlage mit einer prachtvollen Basilika entstand, geschmückt mit erlesener Bauplastik, aufwendigen Mosaikböden. Diese Kirche wurde schließlich von König Ludwig dem Deutschen 876 zur Grablege für sich und seine Dynastie bestimmt.

Bis um 1090 sind rund zwanzig Besuche von Königen und Kaisern in Lorsch bezeugt, 1052 weilte gar ein Papst, Leo IX., innerhalb der Klostermauern. 1090, am Tag des Heiligen Benedikt (21. März), ereilte das Kloster eine Brandkatastrophe, von der sich die Abtei nie so recht erholt hatte. Kein Herrscher besuchte seither Lorsch, klösterliche Vasallen bereichern sich am Besitz des Heiligen Nazarius, die Bedeutung der Abtei beginnt sich zu regionalisieren.
1232 endet die Geschichte Lorschs als Königskloster: Die Abtei wird Mainz unterstellt, die Benediktiner werden durch Zisterzienser und schließlich durch Prämonstratenser ersetzt, die bis zur Aufhebung Lorschs im Zuge der Reformation (1556) klösterliches Leben fortsetzten. Nach dem Ende des Klosters sorgte die Verwüstung der Anlage im 30jährigen Krieg und schließlich der Abbruch fast aller klösterlicher Gebäude dafür, daß kaum mehr etwas übrig blieb von der einst so berühmten Abtei des Heiligen Nazarius.

Karolingische „Königshalle“ und romanischer Kirchenrest lassen kaum mehr die vergangene Bedeutung ahnen. Alle anderen Zeugnisse einstigen Lebens und Wirtschaftens innerhalb der Klostermauern sind nur mehr mit Mitteln der Archäologie wieder zum Sprechen zu bringen. Geschichtsträchtiger Boden also: Der schöne Klosterpark birgt spannende Geheimnisse! Gerade die jüngsten Ausgrabungen seit 1998 haben viel zu den neuesten Erkenntnissen über das Alltagsleben der Mönche beigetragen. Aber es bleiben noch viele Fragen offen.

Für die Kulturgeschichte bedeutsam sind - neben den baulichen und bauplastischen Relikten - vor allem die Handschriften aus dem Kloster, von denen heute noch rund 300 bekannt sind. Einige dieser kostbaren Bücher gehören zu den bedeutendsten Dokumenten europäischer Geistesgeschichte: Das Lorscher Arzneibuch enthält die älteste bekannte Rechtfertigung der antiken Heilkunde aus christlicher Sicht; aus Lorsch stammen die ältesten Abschriften aus dem Gesamtwerk Vergils, die östlich des Rheins entstanden sind. Der Lorscher Bienensegen und die Lorscher Beichte gehören zu den bekanntesten althochdeutschen Sprachdenkmälern, der Lorscher Rotulus ist als älteste liturgische Buchrolle des Abendlandes bekannt, die Lorscher Annalen kennt jeder Historiker. Und das Lorscher Evangeliar, vermutlich ein Geschenk Karls des Großen an sein Kloster, ist eine der kostbarsten Handschriften vor der ersten Jahrtausendwende. Das Schreiben, die Arbeit im Skriptorium, war also offensichtlich die vornehmste Tätigkeit, der die Lorscher Mönche über Jahrhunderte hinweg nachgingen.

Den ganz normalen Alltag gab es natürlich auch im Kloster und seinem engsten grundherrschaftlichen Umfeld: Vieh wurde gehalten, eine große Landwirtschaft war zu versorgen, handwerkliche Tätigkeiten waren gefragt, Töpfer, Schmiede, Glaser, Gärtner, Schreiner, Steinmetze und Kunsthandwerker, Imker, Bäcker, Metzger fanden hier ihr Auskommen; die Versorgung des Konvents mit Lebensmitteln war wichtig, Handel wurde getrieben, und das Kloster hatte sogar das Recht, an drei Orten eigene Münzen aus Silber zu prägen. Das Leben außerhalb der Klostermauern war in den Jahrhunderten des frühen und hohen Mittelalters sehr einfach, die medizinische Versorgung meist unzureichend, die Nahrung knapp und oft nicht ausgewogen: Die Menschen hatten eine niedrige durchschnittliche Lebenserwartung.

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