Archäologie & Baugeschichte

Fast unmöglich ist es, eine genauere Vorstellung von der einstigen Klosteranlage zu gewinnen, die über 800 Jahre lang betrieben wurde. Angefangen von der einzigen bildlichen Darstellung des Kloster Lorsch aus dem 16. Jh. über alle Grabungen hinweg bis hin zu digitalen Befundmodellen: Angesichts einer fast 90prozentigen Zerstörung der Klosteranlage mahnen Wissenschaftler*innen immer wieder, dass hierbei nur allzu schnell die Grenze zwischen erlaubter Hypothese und unwissenschaftlicher Spekulation übertreten wird.

Auf der Suche nach einem Bild des Klosters: Zur Geschichte der Archäologie und Bauforschung in Lorsch

Archäologie und Bauforschung waren und sind, so lange es sie schon gibt, bisher vor allem darum bemüht, eine bildliche Vorstellung des seit dem 17. Jahrhundert verlorenen Klosters zu gewinnen. Nur langsam gewöhnen wir uns an die Unerfüllbarkeit dieses Wunsches.
Bekanntlich gibt es nur eine einzige bildliche Darstellung des Klosters Lorsch – den bekannten Stich Matthäus Merians des Älteren (1593-1650), der uns begreiflicherweise den bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts gereiften Zustand der Anlage vor Augen führt und eben nicht das Kloster Karls des Großen und auch nicht das Reichskloster der Zeit um 1200. Und selbst dieses eine Bild, das Merian in seine materialreiche Topographie der Kurpfalz aufgenommen hatte, hält einer kritischen Betrachtungsweise nicht stand: Allein der Vergleich des Erhaltenen mit dem Dargestellten lässt den Verdacht aufkommen, dass das heute Nichterhaltene nicht unbedingt gründlicher aufgenommen worden sein dürfte als das Erhaltene. Und das betrifft nicht nur bauliche Details, sondern die Anordnung der Baulichkeiten zueinander, so dass gleich zwei Gebäude als „Tor“- oder „Königshalle“ in Frage kommen, deren Verhältnis zur Ausrichtung der Klosterkirche gleichwohl nicht stimmen kann.
Während Reiseberichten des 17. bis 19. Jahrhunderts eher die erschauernde Ahnung des Verlorenen gemeinsam ist, beschwören das Räsonieren über die auf Schritt und Tritt im Gelände des Klosters anzutreffenden Relikte, die Klage über unachtsam als Viehtröge missbrauchte Sarkophage und das zum Speicher degradierte Fragment der Klosterkirche eher den Mythos des längst Vergangenen. So weit zu sehen ist, war Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) wohl der erste, der in seinem historischen Roman „Ekkehard“ in der Phantasie seiner Leser so etwas wie eine bildliche Vorstellung vom Aussehen des Klosters entstehen lässt – vage genug, um sich nicht zu Details äußern zu müssen, eher eine Impression.
Als sich erst vergleichsweise spät im 19. Jahrhundert Kunstwissenschaften und Archäologie zu eigenen Wissenschaften aufzustellen begannen, schien die Zeit gekommen, das einst als Wunder an Pracht und Schönheit gepriesene Kloster wieder auferstehen zu lassen. Nachdem Spitzhacke und Vorschlaghammer bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts gründlich dafür gesorgt hatten, dass kaum ein Stein auf dem anderen geblieben war, begann man nun nach etwas mehr als einem Jahrhundert, nach den Überresten zu graben, um sie nach ihrem Quellenwert für die Geschichte der fast vollständig zerstörten Abtei zu befragen.
Rudolf Adamy (1850-1898) war der erste, der seiner Vorstellung von der Klosteranlage eine gezeichnete Rekonstruktion beigab, woraus im übrigen auch das erste in Holz gebaute Modell hervorging, das die Freiwillige Feuerwehr Lorsch 1926 der Nachwelt überlieferte. Es steht am Anfang des Bemühens um eine visuelle Form der Rückgewinnung des verlorenen Klosters. Zeichnungen Friedrich Behns (1883-1970) und Heinrich Walbes (1865-1954), die in Teilen auch zu Modellen umgesetzt wurden, und das überaus hypothetische Modell aus Karton von Wolfgang Selzer (1926-2003), begleitet von einer weit verbreiteten Isometrie, beflügelten die Phantasie der Betrachter, reizten zu Vergleichen. Das eindrucksvolle Holzmodell von Kirchenanlage und Torhalle, das Thomas Ludwig, Abteilungsleiter für Bau- und Baudenkmalpflege bei der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, hat bauen lassen, gingen über die bisherigen Versuche hinaus: Das CAD-Modell ließ sich zu einem suggestiven Film erweitern, das Modell Thomas Ludwigs begann bisherige Sichtweisen durch neue, eigene Hypothesen umzudeuten – so wurden aus den monumental anmutenden Arkadengängen des Atriums vorschlagsweise die Gästehäuser der Abtei.
Versuche, im Rahmen eines von der DFG geförderten Projekts eine dreidimensionale Erfassung des erhaltenen Baubestands und (soweit möglich) des archäologischen  Befunds mit ergänzenden, aber nicht realitätsnah nachgebildeten „Sehhilfen“ wurden von der Welterbestätte Kloster Lorsch, damals in enger Zusammenarbeit mit dem Institut für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg, 2005 zurückgestellt, aber nicht ganz aufgegeben. Zur Zeit ist ein digitales Befundmodell im Gespräch.
Nehmen wir die seit den 1880er Jahren aufgenommenen Überlegungen zu einer würdigeren Gestaltung des Klosterareals und die Umgestaltung eines erheblichen Teils der Gesamtanlage zu einem Monument der Beziehung des im Kloster Lorsch 876 beigesetzten Königs Ludwig und dem Werden des Deutschen Reiches hinzu, so sprechen wir mittlerweile von über einem Jahrhundert des Bemühens um eine irgendwie geartete, visuelle Vergegenwärtigung oder doch wenigstens Aufwertung eines aufgegebenen Ortes – ob tatsächlich gebaut oder nur gezeichnet, in Modellen vorgeschlagen, ob im Computer realitätsnah oder -fern dargestellt: Immer bleibt die unbehagliche Erkenntnis, dass weder der erhaltene Baubestand noch die zahlreichen archäologischen Befunde und Funde ein Bild des tatsächlich einmal Vorhandenen gewähren können. Selbst wenn es gelänge, eine „Sprache“ und eine „Grammatik“ der Rekonstruktion zu finden, die jedem Betrachter sofort und unmissverständlich klarmachte, ob das Detail, das er betrachtet, einer Erkenntnis, Hypothese oder Spekulation sein Dasein dankt, selbst wenn dies gelänge, bliebe ein derartiges Modell wegen seines geringen Anteils an befundgestützten Sicherheiten unbefriedigend.
Die wirkmächtigste Vorstellungshilfe der letzten fünfzig Jahre aber war und blieb die Isometrie Wolfgang Selzers. Sie fand, seit ihrer ersten Veröffentlichung in Laurissa Jubilans 1964, in zahlreichen Veröffentlichungen Verwendung, sie war, auf eine große Platte aufgezogen, im Kirchenfragment zu sehen und beherrschte eine Informationstafel im Klostergelände, die bis zu ihrer Entfernung (2012) der beliebteste Startpunkt von Klosterführungen gewesen ist.
Es ist genau dieses Bild vom Kloster Lorsch, das viele Menschen im Kopf haben, wenn sie an das Kloster denken; den wenigsten ist dabei bewusst, wie oft in dieser Rekonstruktion die Grenze von erlaubter Hypothese zur eigentlich unwissenschaftlichen Spekulation übertreten worden ist; in gewisser Weise haftet dieser Makel an allen Bemühungen um die Wiedergewinnung einer räumlichen Vorstellung des Klosters Lorsch.

Grabungen im Kloster seit 1934

Vor fünfzig Jahren galt die Baugeschichte von Klosterkirche mit östlich anschließender und sich mächtig über die Dünenkante in die Landschaft hinausschiebender Königsgrablege (ecclesia varia), Atrium, Klausur, Klostermauer und einer weiteren Toranlage südöstlich der Hauptachse als archäologisch weitestgehend geklärt. Der Lorscher Ehrenbürger Friedrich Behn, so der Konsens bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts, hatte das Mögliche getan, um zumindest die für ein Kloster entscheidenden Ensemblebestandteile zu identifizieren und auch zu datieren.
Auf der Grundlage einer grundsätzlich auch im Modell darstellbaren Vorstellung von Gestalt und Erscheinung des Klosters entstand ein Gestaltungskonzept für die Gesamtanlage, das, die Erkenntnisse Behns aufnehmend, von keinem Geringeren als Dieter Hennebo (1923-2007) erarbeitet wurde. Entwurf und Ausführung konkurrierten über die Jahre mit einer Reihe weiterer Vorschläge zur besseren Sichtbarmachung des karolingischen Klosters. Immer wieder wurde, nach dem Beispiel des Michaelsklosters auf dem Heiligenberg, die Errichtung von Mäuerchen gefordert, Stahl-Glaskonstruktionen am Kirchenfragment vorgeschlagen, Spalierobst und Laubengänge als Abbreviaturen vergangener Architektur.
Seine Ergebnisse hat Behn in einer 1934 erschienenen und von einer umfangreichen Plansammlung begleiteten Monographie über Klosterkirche, Atrium und Torhalle veröffentlicht – noch vor Beendigung der Kampagne, die bis 1936 andauerte und Aufschlüsse über Klostermauer, das so genannte Südosttor und über die unterschiedlich detailliert ausgegrabene Klausur enthielt. Unveröffentlichtes Material aus dem Nachlass Friedrich Behns wurde durch Wolfgang Selzer leihweise dem Lehrstuhl für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Bamberg zur Verfügung gestellt. Die Hoffnung, hier die womöglich weit gediehenen Vorarbeiten eines zweiten Bandes vorliegen zu haben, wurden leider schnell enttäuscht: Die meisten dokumentierten Grabungsergebnisse waren bis 1964 an anderen Orten weitestgehend publiziert ohne die eigentlich notwendige Ausführlichkeit und ohne die Beigabe von Plänen, wie sie die Monographie von 1934 auszeichnet.
Spätere Untersuchungen im Kloster durch Wolfgang Selzer an der Stelle der angeblich von ihm wieder gefundenen Afrakapelle inmitten des von Behn nur sehr ausschnitthaft geöffneten Mönchsfriedhofes (1945) sowie möglicherweise auch noch einmal südöstlich der so genannten ecclesia varia sind weder veröffentlicht, noch gibt es dazu irgendwelche Unterlagen wie Befundpläne oder Grabungstagebücher. Die Lage der Afrakapelle hat daher weiterhin als ganz offen zu gelten, die von Selzer als Pfalz gedeuteten Baureste werden mittlerweile völlig anders interpretiert.
Sicherungsgrabungen an der Klostermauer 1992 (Landesamt für Denkmalpflege, Dr. Holger Göldner) führten zu keiner Publikation, während die im wesentlichen von Mitgliedern des Lorscher Heimat- und Kulturvereins durchgeführten Grabungen auf dem Benediktinerplatz 1982 und am Altenmünster (1983) sehr knapp publiziert, aber ordentlich dokumentiert sind.
Unpubliziert, dokumentiert aber weitestgehend ergebnislos war eine kleine Schürfe an der höchsten Stelle des Spittelsberges hinter der Zehntscheune; unpubliziert aber dokumentiert ist eine im weitesten Sinne archäologische Untersuchung des Schuttes im Dachraum der nördlichen Treppenapside der Lorscher Torhalle im Sommer 1999.
Mit Blick auf künftige Vorhaben im westlichen Vorfeld der Torhalle, das auch von Friedrich Behn nicht zusammenhängend untersucht werden konnte, dürfte den Freilegungen von Gebeinen westlich, südlich und östlich der Torhalle noch die meiste Bedeutung zukommen. Die jüngst aus dem Depot des Heimat- und Kulturvereins der Welterbestätte übergebenen Gebeine können heute wesentlich genauer auf ihr Alter untersucht werden als vor dreißig Jahren und werden vielleicht dazu beitragen, die Bedeutung und Funktion der „Torhalle“ innerhalb der Klosteranlage neu zu deuten.
Weitere wichtige Chancen zur archäologischen Erkundung des klösterlichen Umfeldes sind leider unwiederbringlich vertan. Die Baumaßnahmen an der Römerstraße Anfang der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts (Carstanjen 1990/91, Marktplatz 4 1991/92, heutige Piazzetta) waren archäologisch nicht begleitet, sie führten zu massiven baulichen Eingriffen in die Klostermauer, zu ihrer statischen Gefährdung an ihrer höchsten Stelle und schließlich wohl zum Totalverlust der Überreste des im Testament Abt Heinrichs von Lorsch (1167) erstmals erwähnten Hospitals, das dem Spittelsberg seinen Namen gegeben hat und dessen Friedhof nur in kleinen Resten noch in einer Notgrabung angetroffen werden konnte. Dieser Verlust war so kurz vor der Aufnahme des Klosters in das Kulturerbe der Menschheit durch die UNESCO nur schwer verkraftbar.
Betroffen stimmt auch der Abtrag eines großen karolingischen Lagerplatzes mit Siedlungsresten und der Verlust mehrerer dort aufgefundener Fibeln beim Bau der heutigen Sportanlagen im Ehlried im April 2004.
Systematische Grabungen, die, abgesehen von zwei jeweils einjährigen Unterbrechungen, bis heute andauern, fanden dann von 1998 bis 2009 unter der Ägide des Lehrstuhls für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Bamberg (Ingolf Ericsson; Grabungsleiter waren Stefan Kirchberger, Jakob Müller, Markus Sanke und Thomas Platz) statt, seit 2009 unter der Leitung des Mittelalterarchäologen, Denkmalpflegers und Kunsthistorikers Matthias Untermann (Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg; Grabungsleiter vor Ort ist seit 2009 Dieter Lammers).
Eine genaue Projektbeschreibung der Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg finden Sie hier: http://www.iek.uni-hd.de/forschung/lorsch_kloster.html  

Beide Grabungskampagnen hatten zwei ganz verschiedene Auslöser: Bei Elektroarbeiten im Kirchenfragment wurde 1997 zunächst die Gelegenheit genutzt, den behnzeitlichen Füllschutt eines Schnitts unmittelbar östlich des gotischen Portals der Westfassade herauszunehmen und die Befunde mit den behnschen Plänen zu vergleichen (1997/98: Schefers/Halbig). Außerdem sollte herausgefunden werden, ob die von Behn in seine gedruckten Pläne von 1934 eingetragenen Schnittgrenzen tatsächlich so gegeben sind oder in der Zwischenzeit undokumentiert erweitert worden waren. Sie ließen vermuten, dass innerhalb des Kirchenfragments noch größere zusammenhängende „Schichtenpakete“ vorhanden sind, deren Bänderung noch untersucht werden könnten. Diese Hoffnung ließ sich bestätigen und führte zur bisher umfangreichsten und längsten Grabungskampagne in der Geschichte des Klosters Lorsch.

Ohne im Einzelnen auf die separaten Grabungsabschnitte eingehen zu müssen, lassen sich die Ergebnisse der letzten Jahre, zuletzt begleitet von intensiven Recherchen diverser Archivalien, wie folgt zusammenfassen:

Klostertor und Atrium

Nur zwei Pläne lassen einen Schluss auf die Lage der alten Hauptpforte des Klosters zu. Eine nicht ganz genaue, aquarellierte Zeichnung des Jahres 1744, die bereits Rudolf Adamy kannte: Sie zeigt die Anlage, nachdem bereits die meisten Klostergebäude verschwunden waren. Die in der Zwischenzeit mittels der Bestimmung der Jahresringe (Dendrochronologie) datierten nachklösterlichen Gebäude Zehntscheune (letztes Jahrzehnt 16. Jahrhundert, 1719/20 erweitert) und Kurfürstliches Haus (1729/30) stehen repräsentativ für die nachklösterliche Zeit, das Kurfürstliche Haus für eine Nutzung des Areals als kurfürstliche Domäne und spätere Residenz eines ranghohen Forstbeamten.
Die einstige Klosterkirche wird noch in voller Länge mit gotischem Ostabschluss, aber wohl nur noch als Mittelschiff gezeichnet und, wie die „Torhalle“, als sakrales Bauwerk bezeichnet. Aus der Achse, die Kirche und Torhalle verbindet, leicht verschwenkt erscheint hier der beidseitig mit der Klostermauer verbundene Torbau, der in der Legende als „Der Thurn oder das Thorhaus“ bezeichnet erscheint. Zwischen dieser Zeichnung und dem ersten ganz genauen Katasterplan von 1840 (revidiert 1842) steht eine undatierte Aufnahme der Straßenseiten entlang der Hirschgasse (heute Römerstraße), des Marktplatzes und der auf diesen einmündenden Straßen (unbezeichnet; heute: Bahnhofstraße, Nibelungenstraße, Schulstraße). Diese sehr exakte, aquarellierte Tintenzeichnung zeigt uns den Umriss des Torhauses mit der von diesem aus nach Osten abgehenden Straße „nach Bensheim“. Bringt man diesen Plan in Deckung mit dem modernen Katasterplan, kann man sofort sehen, dass das Torgebäude um eine Gebäudebreite weiter westlich lag und mit seiner Nordwestecke exakt an der südöstlichen Begrenzung der auch heute noch vorhandenen Toreinfahrt östlich des „Cafés am Kloster“ endete. Die auf den ersten Blick sicherlich nicht als wertvolle Bausubstanz auffällige Architektur der heutigen Pizzeria „Am Kloster“ wird bei einer Überblendung beider Pläne als nördliche Fortsetzung des alten Torhauses verständlich und sogar als schützenswert bewusst. Vielleicht bewahrt die östliche (fensterlose!), leicht geschwungene Traufseite des Gebäudes in ihrem Inneren noch Reste der Klostermauer, wie sie auf der anderen Platzseite südwestlich an die Nebengebäude des Anwesens Nibelungenstraße 38 anstoßen und dort in so imposanter Höhe noch erhalten sind. Vorausgesetzt, dass sich die bis zwischen etwa 1830 und 1840 noch gegebene Situation einer Hauptpforte an dieser Stelle gehalten hat, wäre der klosterzeitliche Besucher nach dem Durchschreiten der Pforte an einer Stelle angekommen, die Friedrich Behn in kühner Rekonstruktion zu ordnen verstand: Der leichte Achsenknick des Torbaus wurde korrigiert, das Tor zu einer von zwei quadratischen Türmen flankierten Durchfahrt, deren nach Westen weisende Außenseiten jeweils identisch sind mit den in sie einmündenden Endstücke der Klostermauer. In der jeweiligen Verlängerung ihrer Nord- und Südseite wird ein Mauerverlauf rekonstruiert, der nach einer kurzen Strecke einen Knick nach Süden und nach Norden bildet, an dem im Norden wie im Süden langgestreckte Baukörper nach Osten abgehen.
Friedrich Behn, der sich die im Lichten jeweils ziemlich genau 4,60 m breiten Strukturen als Atriumsgänge des 10. Jahrhunderts zurechtlegte, hatte damit den Vorhof (Atrium) der Klosterkirche definiert und der „Torhalle“ jenen architektonischen Rahmen gegeben, der nun auch mit der Erkenntnis versöhnte, dass die Torhalle als Solitär konzipiert war und – nach Behn – auch älter sein soll als die Atriumsanlage. Nun, endlich, hatte sie ihren Platz in einer unserem ästhetischen Sensorium entgegenkommenden geordneten Raum! Nachgrabungen durch Dieter Lammers ließen aber 2012 erkennen, dass zwar der südliche Gang in der Tat nachweisbar ist, der nördliche aber nicht: Nicht nur ließen sich die Befunde Behns an den von ihm eingemessenen Stellen nicht mehr antreffen; auch die Schnitte Behns selbst waren dort nicht auffindbar, wo sie Spuren hätten hinterlassen müssen.

Zweiturmgruppe, Westwerk, Klosterkirche und ecclesia varia

Der Abschied von dem für sicher gehaltenen Atrium vor der Klosterkirche fällt umso schwerer, als damit auch eine ganze Reihe kluger Überlegungen von Bau- und Kunsthistorikern der letzten Jahre zu Ikonographie, Ikonologie und Funktion der Torhalle innerhalb eines Atriums im nobelsten Sinne des Wortes „fragwürdig“ werden müssen: Was haben wir jetzt mit Achim Hubels spannender Überlegung einer an der Regensburger Topographie von Porta Praetoria und karolingischem Dom entwickelten Gebäudeabfolge am (nördlichen) Hauptportal vor dem nördlichen Haupteingang der Basilika von St. Emmeram in Regensburg anzufangen? Kommt sie noch als Vorbild für Lorsch in Betracht? Muss auch Romano Silvas These eines Gerichtsortes, die auch Matthias Untermann erwägenswert findet, grundsätzlich vor dem Hintergrund überdacht werden, dass es das „Atrium“ in der lange für erwiesen gedachten Form überhaupt nicht gegeben hat?
Diese schwierigen und unbequemen Fragen lassen sich fortsetzen – gleich am heutigen Westabschluss des Kirchenfragments! Auch der ungeschulte Laie sieht sofort, dass dort verschiedene Bauperioden ineinander greifen, erkennt anhand eindeutiger Baufugen die beiden mächtigen Türme, die den von Friedrich Behn ergrabenen Fundamenten erwachsen und von Thomas Platz erneut, allerdings nur am südlichen Fundament, archäologisch untersucht werden konnten.
Eindeutig ist, dass die im Aufgehenden erhaltenen Mauerflächen der Türme die Ostseiten der beiden Gebäude sind, die oberhalb ihres Fundaments innerhalb des Kirchenfragmentes durch ein elegantes Sockelprofil abgeschlossen sind, das an den Innenseiten der Türme, also nördlich und südlich des mittig zwischen ihnen hindurchführenden Rundbogendurchganges, umknickt und weiter läuft. Hier steht die Bauforschung vor einem bislang noch nicht befriedigend gelösten Rätsel: Friedrich Behn nahm hier eine eigenständige Baugruppe an, ein zweitürmiges Westwerk: zwei Türme, ein mindestens zweigeschossiges Gebäude dazwischen, mit zwei Fassaden – nach Westen und nach Osten. Um die Tiefe des dem 12. Jahrhundert zugerechneten Mauerwerks der beiden stumpf an die Westwand anstoßenden Arkadenzonen nach Osten versetzt dachte sich Behn das Westwerk einer karolingischen Basilika, die sich weit nach Osten erstreckte und schließlich, zwischen 876 und 882, noch um ein an das alte Sanktuarium östlich anschließendes, zweigeschossig zu denkendes Gebäude erweitert wurde – die ecclesia varia, die Gruftkapelle Ludwigs des Deutschen und seiner Nachkommen.
Thomas Platz hat dieses Gedankengebäude durch eigene Beobachtungen im Aufgehenden des Mauerwerks, insbesondere in der inneren Südwestecke des Kirchenfragments, grundsätzlich in Frage gestellt: Er meinte dort in großer Höhe einen original erhaltenen, im Lauf der Jahrhunderte durch zahlreiche Bauveränderungen aber isoliert dastehenden Eckverband erkannt zu haben, der mit der zunächst fast ein wenig paradoxen Möglichkeit rechnen ließ, dass Teile des Obergadens, also des Mauerwerks oberhalb der Arkaden älter sein müssten als die aus stilistischen Gründen sicher in das 12. Jahrhundert zu datierenden Arkaden aus Sichtmauerwerk. Darüber hinaus meinte er im Fundamentmauerwerk der Türme zwei Phasen erkennen zu können, eine ältere, die er mit dem Sockelprofil und dem abgeschlagenen Eckverband zeitlich in Beziehung setzte und eine jüngere, durch die aus zwei ursprünglich leicht vorspringenden, das Hauptportal der Kirchen flankierenden Seitenräumen, später Türme wurden. Damit war die Möglichkeit eröffnet, hier den Beginn einer vorromanischen (karolingischen?) Kirchenarchitektur mit dreigliedrigem Westabschluss (analog zu Kornelimünster und Michelstadt-Steinbach) vorzuschlagen. Dort, wo Friedrich Behn sein karolingisches Westwerk ansetzte, konnte bis zur Interpretation des von Behn als Westwerkfundament gesehenen Fundamentrasters als relativ rezente Suchschnitte (des 19. Jahrhunderts?) durch Thomas Platz eine Zeit lang als ein erhöhtes Chorpodest diskutiert werden. Nach dieser Erkenntnis war die Frage eines weiter nach Osten reichenden karolingischen Basilikalbaus eröffnet, der aber wohl nicht die als ecclesia varia gedeutete Struktur erreichte. Zu der bis vor kurzem als ecclesia varia bezeichneten Baulichkeit scheint jetzt Übereinstimmung in der Annahme zu bestehen, dass das von Behn gezeigte Mauerwerk unmöglich in karolingische Zeit datiert werden kann, sondern eher dem 11. Jahrhundert zugeordnet werden muss.
Jüngere Überlegungen, die aus Beobachtungen der Bauforschung resultieren, die seit 2010 in Kooperation mit der Technischen Universität München (Manfred Schuller, Katarina Papajanni, Ilona Dudzinski) am Kirchenfragment durchgeführt werden, stellen nun wiederum die von Platz aufgestellten Hypothesen in Frage: Sie lassen es wieder (mit Behn) denkbar werden, dass die heutige Innenseite der Westwand des Kirchenfragments ursprünglich einmal eine Außenwand war, wofür im übrigen auch eine in der südwestlichen Hälfte der heutigen Portalzone leicht überschnittene, trichterförmig gemauerte Röhre spricht, die durch eine horizontal vermauerte runde Platte unterbrochen wird, die fünf runde Durchbohrungen aufweist, also eher eine Art Gulli oder ein Ablauf gewesen sein wird als eine Zisterne.
Der Schacht reicht nur ein wenig tiefer hinunter als die unterste Schicht von Gräbern, die sich hier unmittelbar hinter der gotischen Türschwelle im Inneren des heutigen Kirchenfragments drängen: trocken gemauerte Kammern mit Plattenverschlüssen, von Behn leider sämtlich ihrer Inhalte beraubt. Waren sie einst östlich einer hier abschließenden Architektur angeordnet? Oder lagen sie – in privilegierter Position – innerhalb des Kirchengebäudes unmittelbar unter dem westlichen Zugang? Diese Frage ist derzeit noch ungelöst. Ebenso die Frage nach der Identität der Menschen, die hier ihre letzte Ruhe fanden; und natürlich ist auch die Frage offen, wie und als was wir uns ein sich nach Westen ausdehnendes Bauwerk vorzustellen haben, das durch einen Hof von der Kirche getrennt war.
Wenn schließlich die ecclesia varia – vorausgesetzt, die von Friedrich Behn aufgedeckte Baulichkeit war das im Hochmittelalter so bezeichnete Gebäude – nicht karolingisch ist, dann stellt sich letztlich erneut die Frage nach dem ursprünglichen Ort der Königsgräber. War er dort, wo ihn Behn annahm, dann muss er so überbaut worden sein, dass kein auf uns gekommener Rest karolingischen Mauerwerks bisher beobachtet worden wäre. Legen wir diese Hypothese zu Grunde, die von einer gewissen Statik der Lage einer Grablege, aber von einer Veränderung ihrer baulichen Gestalt ausgeht, dann könnte dieses Bauteil mit dem Ort in Verbindung gebracht werden, an dem Papst Leo IX. im Herbst 1052 den mittleren (von drei?) Altären weihte. Vielleicht war dies der Auftakt einer großen Baumaßnahme, die von Osten nach Westen voranschreitend schließlich ein gewaltiges Bauwerk ergab, das 1090 Schauplatz des durch die Quellen so anschaulich beschriebenen Brandes gewesen ist? Ein Bauwerk vermutlich, das wir, wäre es noch vorhanden, in einem Atemzug mit den damals ebenfalls mit Macht emporstrebenden romanischen Kathedralen von Speyer, Worms und Mainz, rühmen dürften? Ein Bauwerk aber auch, das in der chronikalischen Überlieferung der Abtei keine Spur hinterlassen hätte.

Die Klausur

Bei der Lage der karolingischen Klausur, die Friedrich Behn südlich der Kirche gefunden zu haben glaubte, wusste der Archäologe immerhin den Chronisten des Lorscher Codex höchstselbst auf seiner Seite; denn dieser schreibt, hier eine frühmittelalterliche Äbtechronik als Quelle nutzend, dass Abt Richbod einst die hölzernen Mönchshäuser, die nördlich der Kirche errichtet waren, durch eine steinerne Klausur im Süden der Kirche ersetzt habe – „uti nunc videtur“ (so wie es jetzt ist). Diese Formulierung hat der Chronist selbst eingeschoben und man könnte ihr entnehmen, dass er glaubte, dass zu seinen Lebzeiten der Konvent noch in der karolingischen Anlage lebte, oder einfach nur, dass zu seiner Zeit, also im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts, die Klausur eben dort ist, wo sie Abt Richbod haben wollte: im Süden.
Die Frage nach dem Alter der von Behn ergrabenen Klausur ist bisher alles andere als abschließend geklärt; nur an einer Stelle, in der Südostecke, konnte bisher die behnsche Hypothese überprüft und von Markus Sanke widerlegt werden: auch hier wieder keine Spuren der karolingischen Anlage. Wäre die Klausur erst nach dem Kirchenbrand von 1090 errichtet worden, hätte unser Chronist das sicherlich erwähnt, denn dann wäre er, der Abt Diemo noch persönlich gekannt hat, doch ganz sicher auf die Fertigstellung der Reparaturen und Neubauten eingegangen.

Infirmarium, ecclesia triplex und Latrine

Von den drei Klausurflügeln scheint der westliche am besten erforscht zu sein; zu einer Publikation der Grabungsergebnisse ist es indessen nicht gekommen – erhalten sind aber ein Textentwurf Friedrich Behns und ein die Befunde dokumentierender Plan. Es ist anzunehmen, dass die Klausurgebäude, zumindest aber das Dormitorium (Ostflügel) zweigeschossig gewesen sein müssen, wollte man vom Schlaftrakt aus den Mönchschor der Basilika auf gleicher Höhe betreten. Während über den Südflügel (Refektorium?) außer seiner Lage kaum etwas bekannt ist, bildete der Westflügel ein im Verhältnis zum Kirchenfragment deutlich tiefer gelegenen Saal, der durch Säulen, deren Basen von Behn noch in situ angetroffen werden konnten, in zwei Schiffe geteilt war. Es ist hier mit der Möglichkeit eines repräsentativen Raumes für hochstehende Gäste zu rechnen, die das Kloster immer wieder zu beherbergen hatte – allein zwanzig Herrscheraufenthalte von den Tagen Karls des Großen bis etwa 1070 konnten für Lorsch sicher ermittelt werden.
Die Überlegung, dass des Repräsentationsbedürfnisses der Abtei und ihrer Prälaten ganz sicher in Form passender Räume und Ausstattungen Rechnung getragen wurde, wird hier, im Westen der Anlage und in unmittelbarer Nähe der zumindest für das Spätmittelalter anzunehmenden Prälatur an Stelle des Kurfürstlichen Hauses zu besonders sorgfältigem Hinsehen einladen; Wolfgang Selzer behauptete die Existenz eines königlichen Palatiums im Klosterareal und meinte es in dem von Behn ungedeutet gebliebenen und auch nicht ganz richtig eingemessenen Mauerstrukturen parallel zur Klostermauer unmittelbar südlich der Klosterkirche erkennen zu dürfen. Weniger die Lokalisierung als die Behauptung der Existenz einer Königspfalz in Lorsch durchzieht jahrzehntelang die Literatur, ohne dass der Befund, geschweige denn die Quellen von ihr wüssten.
Nachgrabungen von Thomas Platz an dieser Stelle führten nicht nur zu Korrekturen der Einmessungen Behns, sondern zu einer neuen Deutung der baulichen Situation, die im übrigen auch mit dem Abschied von der hier seit Behn und Selzer angenommenen ecclesia triplex verbunden war: von ihr blieben vier parallel verlaufende Mauerausbruchsgruben, deren zeitliche und bauliche Zuordnung ebenso völlig ungewiss ist, wie überhaupt ihr Zusammenhang mit anderen Baulichkeiten.
Die von Wolfgang Selzer als palatium gedeuteten Baureste erwiesen sich als gedrängter Komplex sehr unterschiedlicher Baulichkeiten unterschiedlichster Zeitstellung. In mehr als einer Geschosshöhe in eindrucksvoller Höhe erhalten war der nördliche Teil eines Gebäudefragments anzutreffen, das aus einem gemauerten Erdgeschoss und einem überkragenden, vermutlich aus Fachwerk aufgesetzten Obergeschoss bestand. Das Bauwerk benutzte die Klostermauer als östliche Traufwand und durchbrach sie an einer Stelle für einen ursprünglich nach Osten vorspringenden Erker. Zusammen mit seinem wahrscheinlich durch einen Brand zerstörten Vorgänger wird man das Gebäude als Infirmarium über einer Küche deuten dürfen, einem kleinen Zweckbau in dem Raum zwischen Dormitorium, Klosterkirche und Mauer und in geringem Abstand zu der südlich anschließenden Latrine. Auf die Funktion als Mönchskrankenhaus weisen Funde medizinischer Gerätschaften hin.
Während sich die Interpretation als Infirmarium für das Spät-und Hochmittelalter aufrecht erhalten lassen dürfte, kann für das frühe Mittelalter hier ein Bezirk für hochspezialisiertes Handwerk angenommen werden. In diesem Zusammenhang ist eine als Brandmauer gedeutete, den an dieser Stelle einst steil nach Osten abfallenden Dünenabhang nachzeichnende Mauer zu sehen, die stumpf an der Klostermauer endet. Am alten Dünenfuß, der noch innerhalb der Klostermauer lag, konnte Thomas Platz das bislang älteste durch einen stratigrafisch gebundenen Münzfund sicher datierte Mauerstück aus karolingischer Zeit nachweisen. Nicht weit von einander entfernt hatten kunstfertige Beinschnitzer und ein Glasmacher ihre Werkstätten. Der Beleg einer Glaswerkstatt aus karolingischer Zeit ist durchaus etwas Besonderes, ein Indikator eines bedeutenden handwerklichen und wirtschaftlichen Herrschaftszentrums, das in einer Reihe mit den großen Pfalzen des Reiches zu nennen ist, an denen ähnliche Handwerke nachgewiesen werden können. Der Veröffentlichung der Befunde und Funde der beiden 2002 bis 2004 untersuchten Schnitte darf ebenso mit Spannung entgegen gesehen werden wie dem Nachweis eines Gewässers auf dem heutigen Karolingerplatz, zwischen dem und der Klostermauer von Thomas Platz eine aus Spitzgräben und Wällen bestehende Befestigung entdeckt werden konnte.
Die Latrine war während der letzten Jahrzehnte sicherlich eine der umstrittensten Baulichkeiten. Friedrich Behn sah in ihr eine vierbogige, zweigeschossige und im Stil der „Torhalle“ reich ornamentierte Toranlage. Karl Josef Minst vermutete eine Latrine und Jakob Müller konnte nach Grabungen im Bereich nördlich der Klostermauer, die hier aufgrund eines leicht nach Westen zurückgesetzten langgestreckten Gebäudes unterbrochen wurde, Minsts Vermutungen eindeutig bestätigen. Den steilen Abfall des Geländes nutzend konnte das Gebäude so in den Hang gebaut werden, dass sein Obergeschoss, mit dem Dormitorium durch einen Gang verbunden, vom Kloster her ebenerdig betreten werden konnte. Der Gang, auf dem Merianstich schön zu sehen, ist auch in den Ergebnissen der Georadarmessungen Anfang der neunziger Jahre im südlichen Klostergelände mühelos zu identifizieren. Grabungen zur Klärung seines Anschlusses an das mutmaßliche Dormitorium harren seit 2003 der Veröffentlichung. Entlang der vertikalen Gebäudeachse der Latrine war der Dünenhang abgestochen und durch eine Mauer abgefangen, zwischen der und der Flucht der Klostermauer ein schmaler, nach außen geöffneter und mit verklammerten Sandsteinplatten gedeckter Raum entstanden war, in den sich die Mönche aus dem Raum darüber erleichtern konnten. Die Exkremente waren dann von außen leicht zu entsorgen, vier stets offene, gemauerte Bögen gestatteten den Zugang. Ähnliche Latrinen sind auch von anderen Orten her gut bekannt. Ob aber diese Latrine tatsächlich einen der „Torhalle“ vergleichbaren Bauschmuck getragen hat, dürfte doch eher unwahrscheinlich gewesen sein. Auf eine ähnliche Bauzier hat Behn hingewiesen, weil bei seinen Grabungen in diesem Teil des Klosterareals besonders häufig die für die Fassaden der „Torhalle“ so charakteristischen Formatsteine gefunden wurden. Tatsächlich übersteigt die Anzahl dieser überall im Klostergelände aufzufindenden Steine, zu denen im übrigen auch Fragmente eines Palmettenfrieses wie an der „Torhalle“ und ein Fragment eines Traufgesimses hinzukommen, längst bei weitem die Zahl der im Laufe der Jahrhunderte vielleicht ausgewechselten Mauerpartien, so dass in der Tat die Existenz eines zweiten Bauwerks naheliegt, das in der Art der „Torhalle“ dekoriert war.
Werner Jacobsen, der 1985 als erster einen wissenschaftlichen Katalog der Lorscher Bauskulptur vorgelegt hat, schlug dafür mit überaus einleuchtenden Argumenten die „ecclesia varia“ vor, die als „bunte Kirche“ auch durch eine auf 1320 zu datierende deutsche Urkunde als solche belegt ist. War die „bunte“ Erscheinung der Gruftkirche namengebend?
Schon sehr lange vor Jacobsen waren es insbesondere Martin Joseph Savelsberg (1814–1879) und Georg Schaefer (1823–1908), die in ähnlichen Kombinationen dachten und in der „Torhalle“ die ecclesia varia vermuteten. Werner Jacobsen entwickelte von seiner These aus ein Datierungsgerüst für die Lorscher Bauskulptur mit der „Torhalle“ als Fixpunkt, die Jacobsen in engstem zeitlichen Zusammenhang mit der zwischen 876 und 882 gebauten ecclesia varia und dem Ludwig dem Deutschen zugewiesenen Pilastersarkophag sieht.
Dieser eher bauhistorisch begründeten Vorgehensweise, die der „Torhalle“ innerhalb der karolingerzeitlichen Architektur einen relativ späten Auftritt zuspricht, hat der Kunsthistoriker Matthias Exner einen früheren Ansatz gegenübergestellt, der die spärlich erhaltenen Fragmente figürlicher Malerei aus der karolingischen Klosterkirche mit den Wandmalereien im Inneren des Obergeschosses der Torhalle in Beziehung setzt und damit eher in die Zeit um 820/30 kommt. Es sind derzeit genau diese rund 70 Jahre zwischen der Blütezeit der „karolingischen Renaissance“ unter Ludwig dem Frommen und dem Ende der achtziger Jahre des 9. Jahrhunderts, die heute allgemein als die Zeitspanne gesehen werden, innerhalb derer man sich die Erbauung der „Torhalle“ vorstellen kann.

Das Klostergelände früher und heute

Innerhalb der vergangenen fünfzig Jahre hat das durch die Nibelungenstraße (früher: Bensheimer Chaussee, danach Ludwigstraße, schließlich Nibelungenstraße) durchschnittene Klostergelände in seinem größeren, südlichen Teil mehrere tiefgreifende Veränderungen erfahren, dessen jüngste und radikalste zum großen Jubiläum 2014 fertig werden soll. Der nördliche Teil entzieht sich vergleichbaren Maßnahmen ebenso wie die kleine Hofreite Nibelungenstraße 38, die sich in privater Hand befindet. Der nördliche Teil wurde früh parzelliert und dann im 19. und 20. Jahrhundert bebaut. Durch die Neubauten der neuromanischen evangelischen Kirche (1895) und der Wingertsberg-Grundschule (1908) wurden bis dahin von Generation zu Generation unverändert weitergegebene Grundstücksbegrenzungen erstmals durchstoßen, so dass der nördliche Verlauf der einstigen Klostermauer hier nicht mehr abgelaufen werden kann. Bis auf wenige sondageartige Untersuchungen durch Heinrich Gieß (1841-1918), die auch kaum Erkenntnisse über eine klosterzeitliche Besiedlung des Areals nördlich der Nibelungenstraße ergeben haben, sind sehr wahrscheinlich alle noch vorhandenen Spuren ohne archäologische Beobachtung verloren gegangen oder verwischt worden. Erinnerungen älterer Lorscher Bürger an alte Brunnen und Gewölbe ließen sich Anfang der neunziger Jahre, als der Bereich hinter dem Museumszentrum neu gestaltet und der Paul-Schnitzer-Saal angebaut wurde, in keinem einzigen Fall verifizieren.
Das südliche Klostergelände hingegen befand sich mit Ausnahme der Jahre zwischen 1797 und 1816 stets in „staatlicher“ Hand: Vor 1797 gehörte es zum Vermögen des Kurstaates Mainz, zwischen 1797 und 1816 dem kurmainzischen Oberforstmeister Carl Friedrich Anshelm Freiherr von Hausen (1758 – 1802), und nach dessen jähem Tod 1802 durch die Hand eines Wildfrevlers besaß die Witwe das kaum nutzbare Areal. In dieser Zeit – jede Lorscherin, jeder Lorscher weiß das – wäre die Torhalle, das Kapellche, beinahe abgerissen worden, um mit ihren Steinen der auf der Lorscher (und somit katholischen) Seite der Weschnitz gelegenen Pfarrkirche von Kleinhausen aufzuhelfen. Der damalige Landgraf Ludwig X., ab 1806 Großherzog Lud(e)wig I. von Hessen, verhinderte den Abriss und brachte das Areal an sich.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm der Volksstaat Hessen das Grundstück, das in seiner damaligen Ausdehnung immer wieder neu parzelliert wurde: Den größeren Teil des späteren Parks beanspruchte der im Kurfürstlichen Haus residierende Forstmeister, der kleinere Teil diente mitsamt Dienstgehöft einem Forstassessoren als Wohnung. Bis 1888 bestand dieses Gehöft aus einem schmalen, eingeschossigen, teilweise unterkellerten Haus, das zuletzt 1876 einer genauen Bauaufnahme unterzogen wurde. Es ist das alte Haus des Hofkonditors und des Silberdieners – noch aus der Ära, in der das Kurfürstliche Haus von Zeit zu Zeit dem geistlichen Herrscher als Ort der Zerstreuung und Erholung diente. Die nördlich anschließenden Wirtschaftsbauten und die Zehntscheune, die teilweise an örtliche Landwirte und den Zigarrenfabrikanten Adolf Schönherr vermietet war, gehört noch dazu.
Seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts besteht ein reger Schriftwechsel zwischen dem Großherzoglichen Finanzministerium in Darmstadt und dem Hochbauamt in Bensheim über den Umgang mit dem alten Klosterareal: 1876 war an der nördlichen Giebelseite der “Torhalle” eine Inschrift zu Ehren Ludwigs des Deutschen als des Begründers des Deutschen Reiches angebracht worden, seither sorgte man sich an höhster Stelle um eine der Würde des Ortes gerecht werdenden Instandsetzung von Klosterhügel und erhaltenen Bauwerken. So wurde 1904/05 darüber nachgedacht, das Kirchenfragment Lage für Lage ab- und anschließend “ordentlich” wieder aufzubauen, um auf diese Weise der befürchteten statischen Probleme Herr zu werden und die durch die diversen Bauphasen entstandene “Unordnung” im Mauerbild zu korrigieren! Einig war man sich, dass die hölzernen Einbauten des 18. Jahrhunderts entfernt werden sollten, fürchtete aber auch hier wieder um die Statik, so dass von beiden Maßnahmen Abstand genommen wurde. Die kühnsten Planungen sahen 1920 an der südwestlichen Ecke einen Turm in annähernd neuromanischem Stil vor, in der mittleren Arkade der Nordseite ein Denkmal, davor mit Bäumen und Hecken abgepflanzten Hof – eine in die Vergangenheit des Kirchenfragments völlig verunklärende Lösung, die wohl aus diesem Grunde auch damals nicht weiter verfolgt wurde.

Die Lorscher Bevölkerung hatte an diesen Plänen keinen erkennbaren Anteil. Immerhin führten sie dazu, dass dieser Teil des Klostergeländes öffentlich zugänglich gemacht wurde und nach dem Ersten Weltkrieg erste kommunale Begehrlichkeiten zu wecken vermochte.
Ein erster Vertrag zwischen der Gemeinde Lorsch und dem Volksstaat Hessen trug 1926 dem Wunsch der Gemeinde Rechnung, das Areal zwischen Kirchenfragment und “Torhalle” als eine Art Ehrenhof für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu gestalten, mit einem sarkophagartigen Denkmal in der Hauptachse der Anlage, flankiert von einer Treppenanlage die vor der Westfassades des Kirchenrestes eine Art Plateau bildete. Dieses Denkmal löste die erste große archäologische Kampagne aus. Ziel war eine kleinräumige Sondage an der Stelle des geplanten Denkmals – eine für diese Zeit größter wirtschaftlicher Nöte erstaunliche Sorgfalt! – Ergebnis war eine der umfangreichsten Klostergrabungen des zwanzigsten Jahrhunderts in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg!
Zu dieser Anlage, deren ursprüngliche Zweckbestimmung zunehmend verblasste, gesellte sich seit 1967 just an dieser Stelle des von Behn in seiner Ausdehnung erfassten Klosterfriedhofes ein Monument der Stadtwerdung der Gemeinde Lorsch anläßlich der 1200 Jahrfeier des Klosters Lorsch. Die umliegenden Kommunen stifteten einen kreisrunden Brunnen, aus dessen Mitte eine Fontäne in den Himmel schoss, dies alles eingefasst von Wiese und Buschwerk, in dessen östliche Flanke sich eine sandsteinverkleidete Betonmauer schmiegte, die Sitzmöglichkeiten bot. Es war in dieser Zeit, als der Heimat- und Kulturverein Lorsch sich sicherlich mehr Gedanken um die Wirkung der Klosteranlage machte als die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, die mit dem Ende des Forstamtes Lorsch 1967 auch den bis zuletzt privat genutzten Garten und die beiden südlichen Kompartimente der Zehntscheune übernahm.
Das “ehemalige Benediktinerkloster Lorsch” wurde eine Außenstelle der Bad Homburger Verwaltung. Noch am Ende der fünziger Jahre befand sich im Aufgang zum südlichen Treppenturm der Torhalle ein kleiner Kiosk, wo man Postkarten und Führerheftchen kaufen konnte! Ungehört waren noch Ende der fünziger Jahre die Klagen und Warnungen des damaligen Kustoden der Anlage Karl Joseph Minst (1898-1984), verklungen, der vor einer öffentlichen Vereinnahmung des Klosters warnte! Sein Kassandraruf blieb zwischen Aktendeckeln – als heute vergnüglich zu lesendes Exempel des nie ganz einfachen Nebeneinanders von Kommune und Schlösserverwaltung aus dem Jahre 1958. Immerhin wurde Minst, der als “Schlosshilfsaufseher” in Bad Homburger Diensten mehr schlecht als recht sein Brot verdiente, mit dem Bundesverdienstkreuz und der Lorscher Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet.
Nach Plänen von Friedrich Behn und Dieter Hennebo wurde seit 1967 der Bereich der Kirchenachse und des südlichen Klostergeländes bis zu der Mauer zwischen Zehntscheune und Kurfürstlichem Haus überplant. Alle Spuren privater Nutzung verschwanden (dazu gehörten neben einem kleinen Teich auch eine an die Südseite des Kurfürstlichen Hauses angebaute Waschküche und ein an die Südseite der Zehntscheune angefügter Schweinestall). An die Stelle von Mauern traten im Bereich der einstigen Klosterkirche niedrige Ligusterhecken, Wege deuteten die Lage der inneren Fundamente der Klausurgebäude an, eine dichte und schließlich übermannshohe Hainbuchenhecke ließ den Platz zwischen Kirchenfragment und “Torhalle” tatsächlich zu einem Raumgebilde werden. Allerlei Rücksichtnahmen verunklärten entscheidende Details: So musste das Kurfürstliche Haus eine asphaltierte, autogerechte Zufahrt haben und diese durfte nicht identisch sein mit der Einfahrt zur Revierförsterei. Die südliche Hainbuchenhecke durfte nicht an der Stelle der inneren südlichen Artriumsmauer stehen, weil sonst eine separate Zufahrt nicht möglich gewesen wäre. Die verkehrliche Nutzung des Benediktinerplatzes mag man sich heute gar nicht mehr vorstellen – hier führte die Bundesstraße B460 direkt an der “Torhalle” vorbei. Erst die von Ehrenbürger Paul Schnitzer (1935-1995) 1974 ausgelöste und vom damaligen Bezirksdenkmalpfleger Friedrich Oswald unterstützte Initiative “Rettet die Königshalle”, führte dazu, dass Lorsch den Bau einer aufwendigen Ortsumgebung und die Umwandlung in einen verkehrsberuhigten Bereich und schließlich in eine Fußgängerzone erleben dufte. Die von dem Lorscher Architekten Paul Rhein in den achtziger Jahren konzipierte und durchgeführte Gestaltung des auf diese Weise entstandenen Benediktinerplatzes suchte den Bezug zum Kloster und beinhaltete die Übernahme des in einem Behn-Plan falsch eingetragenen Grundrisses der Toranlage. Der Benediktinerplatz ist heute das Herz der Stadt – die mit gestalterischen Mitteln vollzogene Durchdringung von Kloster und Stadt vor der “Torhalle” schuf eine im Grunde unhistorische Blickachse zwischen Altem Rathaus und Torhalle, die bis etwa 1840 so nicht existierte.

Die neue Gestaltung des Klosterareals

Ausgerechnet eine der großen globalen Wirtschaftskrisen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es zu danken, dass Lorsch am Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts im Rahmen der 2008/2009 allenthalben aufgelegten Konjunkturprogramme von einem Investitionsprogramm des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung für die nationalen Welterbestätten profitieren konnte. Unter finanzieller Beteiligung der Kommune (2,7 Mio. Euro), des Landes Hessen (4,2 Mio.) und des Bundes (4,6 Mio.) wurden zunächst 11,5, schließlich 12,1 Mio. Euro, für die Aufwertung der Welterbestätte ausgegeben, ergänzt durch weitere erhebliche Mittel der Verwaltung der Schlösser und Gärten Hessen für Bauunterhalt, Bauforschung, Restaurationsarbeiten und schließlich auch eine komplette neue Ver- und Entsorgung der Klostergebäude. Niemals in der neueren Geschichte hatte so viel Geld für eine Überarbeitung der Welterbestätte zur Verfügung gestanden!
Pünktlich zum großen Ortsjubiläum wird das Welterbeareal ein neues Gesicht bekommen: Es umschließt die beiden Kernzonen Altenmünster und Kloster Lorsch, die in eine moderne Agrarlandschaft bzw. das Stadtbild eingebunden sind. Es entstehen Verbindungen zwischen beiden Kernzonen – die sogenannte Kulturachse, die durch einen Rundweg erschlossen wird und thematisch so disparate Aspekte der Ortgeschichte, wie den modellhaften Aufbau und der Verarbeitung von Tabak verbinden weiß.
Auf der Grundlage eines Masterplans, der aus einem Wettbewerb hervorgegangen ist und von den Büros hg merz (Stuttgart) sowie Topotek 1 (Berlin) erarbeitet wurde, sind mehrere Veränderungen der Annäherung an die Welterbestätte vorgenommen worden: Zu Grunde gelegt ist die Chronologie des Klosters, die Annäherung erfolgt also von Osten her und dort, am Altenmünster, nimmt die Erzählung ihren Anfang, begleitet den Besucher über neue Wege durch Natur und Kultur der Landschaft, in der das Kloster entstanden und gewachsen ist, um schließlich vor der “Torhalle” als Höhepunkt innezuhalten.
Im Grunde ist diese Erzählung Bestandteil eines übergreifenden Vermittlungskonzepts, in das sich auch andere Komponenten einfügen: So soll das Museumszentrum Lorsch, 1995 seiner Bestimmung übergeben und im übrigen auch aus einer Empfehlung des internationalen Denkmalrates ICOMOS in Richtung einer verbesserten Präsentation der Bedeutung des Klosters entsprungen, deutlicher auf das primäre Ziel ausgerichtet werden. Nach der weitestgehend vollzogenen Wegnahme der volkskundlichen Abteilung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt (2010) gehen die Planungen von Stadt und Land eher dahin, neben einem geeigneten Raum für anspruchsvolle Wechselausstellungen die Abteilung für Klostergeschichte und das Tabakmuseum von den bisherigen Anforderungen zu entlasten: So wie das Tabakmuseum künftig im Welterbeareal ein Musterfeld und die Tabakscheune zeigen kann (dort vielleicht auch die eher landwirtschaftlichen Aspekte), so hat die klostergeschichtliche Abteilung die Chance, künftig ein besonderes und wichtiges Kapitel zu erzählen – nämlich das der geistes- und kulturgeschichtlichen Bedeutung der Abtei, ihrer Bibliothek und ihres Skriptoriums – beides auf der Grundlage der vollständigen Digitalisierung aller bekannter Lorscher Handschriften in Kooperation von hessischer Schlösserverwaltung und Universitätsbibliothek Heidelberg. Die reiche Ernte von Archäologie und Bauforschung soll in die Zehntscheune “eingefahren” werden, wo sie dem Bürger wie dem Gast im Rahmen von Sonderführungen erschlossen werden soll. Und so fand die alte Scheune, seit 2002 als Gesamtheit in der Verfügung der hessischen Verwaltung, zu einer schon viele Jahre zuvor diskutieren Bestimmung für eher museale Zwecke.
Das Kirchenfragment indessen, das 1956 als Lapidarium eingerichtet wurde und dessen seit dem 18. Jahrhundert bestehende Verschlüsse damals erneuert wurden, wird sich völlig anders als jemals zuvor präsentieren: Zwar war es aus statischen Gründen erforderlich, die Ostwand beizubehalten; aber die Arkaden könnten geöffnet bleiben; an den hellen, lichtdurchfluteten Raum, die Durchblicke und den Verlust der gewohnten Nutzungen wird man sich zu gewöhnen haben. Denkmalgerecht ist die gefundene Lösung allemal: Wie alles, was im Klostergelände in den letzten Jahrzehnten geschehen und wie alles, was noch geschehen wird, ist die spurlose Wegnahme von neu Hinzugefügtem, die jederzeitige Reversibilität oberste denkmalpflegerische Prämisse. Sie gilt auch für die Modellierung des Klosterhügels, der nach dem Verlust der meisten Bäume und Sträucher von der bisher durchaus geschätzten Naturnähe zu einer gewissen Künstlichkeit gefunden hat: Aus dem dicht mit Bäumen und Hecken bestandenen Stadtpark wird eine Rasenfläche mit hohem Pflegeanspruch und nur wenigen solitären Bäumen, eine Art „Samtkissen“ für Torhalle, Kirchenfragment und Klostermauer, den drei besonders zu hütenden Zeugen von Jahrhunderten klösterlichen Lebens und Wirkens. Zugleich legt sich das Gelände in weichen Falten schützend über die erforschten wie die unerforschten Bereiche des Klosterhügels, um gleichsam anzuzeigen, dass beides zusammengehört: die Erforschung und die Achtung des Befundes.
Das Verlorene, das sich jeglicher Form der Rekonstruktion widersetzt, hinterlässt durch sanfte Abdrücke in diesem Kissen Spuren – umrisshaft zusammenfassend, keine Binnengliederungen zulassend, nicht erklärend, nicht interpretierend und – etwa nach Bauperioden oder Funktionsbereichen – differenzierend. Vergangene Präsenz wird im Maximum ihrer historischen Weite und Tiefe erfasst und gestaltet. Vielleicht gelingt es, dem Klostergelände gerade durch die Kargheit der Aussage und durch das Hinaustragen des auch historischen Horizonts in die Landschaft, die von diesem Kloster geprägt wurde, ein wenig von der einstigen Aura zurückzugewinnen.

Das Profil der Welterbestätte heute

Blickt man auf die letzten 50 Jahre zurück, hat sich im Schatten der Welterbestätte Kloster Lorsch sehr viel verändert. Dass anlässlich des Investitionsprogramms überhaupt förderwürdige Planungen und Überlegungen eingereicht werden konnten, hat seinen Grund in der langen Erfahrung mit der besonderen Qualität dieses Ortes – sie besteht eben nicht in der in Lorsch sprichwörtlichen „Öde des Katasters“, also letztlich in einem Manko, sondern in einer besonderen Herausforderung, in einer Herausforderung an bedrohte Kulturtechniken: an Fantasie und Wissensdrang. Genügte es bis zum Ende der achtziger Jahre, eine Außenstelle der Schlösserverwaltung zu unterhalten, deren Personal die Anlage pflegte und für Führungen zur Verfügung stand, so sind in den frühen neunziger Jahren die ersten Schritte zu einer modernen kultur- und museumspädagogischen Annäherung gegangen worden, die – und das ging damals überhaupt nicht konform mit gelten kulturpolitischen Vorstellungen in unserem Bundesland – von der Autonomie des authentischen Geschichtsortes ausgeht, von einem eigenen Bildungsauftrag, der durch den Welterbestatus zusätzliches Gewicht bekommt. In der Familie der Welterbestätten in Deutschland und darüber hinaus hat sich Lorsch einen Namen gemacht und ist selbst ein Stück Programm geworden: Das „Lorscher Modell“ wurde 2006 durch die Deutsche UNESCOKommission mit dem Walter-Mertineit-Preis ausgezeichnet, nur wenige Tage nachdem in Hildesheim der Bildungsanspruch der Welterbestätten erstmals formuliert worden war.
Lorsch ist auch der Ursprungsort eines inzwischen bundesweit jeweils am ersten Sonntag des Monats Juni begangenen Thementages, des Welterbetages. Auch wenn sich seiner Ausgestaltung eher engagierte Touristiker angenommen haben, so ist doch sein eigentliches Ziel, dass an diesem Tag die Bürgerinnen und Bürger die Chance haben sollen, ihrer Welterbestätte einmal ganz persönlich zu begegnen – in Führungen und Erklärungen, im Gespräch mit den vor Ort Verantwortlichen, aber auch durch Begegnungen mit anderen Einrichtungen, die den Zielen der Vereinten Nationen, einer „Kultur des Friedens“ besonders nahestehen – UNESCO-Schulen und -Lehrstühle beispielsweise, oder UNESCOClubs, UNESCO-Geoparks oder einfach auch anderen UNESCO-Welterbestätten. Lorsch ist als älteste hessische Welterbestätte innerhalb des UNESCO-Geoparks Bergstraße-Odenwald, über das „Lorscher Arzneibuch“ seit 2013 auch mit Bezug zu dem UNESCO-Programm „Memory of the World“ geehrt, gleich in mehrfacher Hinsicht ein Ort, an dem es sich für Ziele nicht nur der Welterbekonvention von 1972 einzusetzen besonders lohnt.
Vor nunmehr gut zehn Jahren ergriff die Welterbestätte Kloster Lorsch die Initiative zu einer internationalen Welterbebildung. Unter dem global anschlussfähigen Arbeitsbegriff „World Heritage Education“ soll darauf hingearbeitet werden, dass Welterbestätten als besonders bewusste Kristallisationsorte nationaler Geschichtlichkeit als Bildungsorte zukunftsfähig werden. Dies kann zum einen dadurch geschehen, dass Welterbebildung Eingang in die Curricula der schulischen Lehrpläne findet, zum anderen dadurch, dass irgendwann jede Welterbestätte nicht nur die räumlichen und finanziellen Möglichkeiten hat, diesem Anspruch gerecht zu werden, sondern auch entsprechend qualifiziertes Personal.
Der spezifisch globale Anspruch einer jeden Welterbestätte ist am wenigsten konkret zu fassen. Für die Vorstellung, dass die Menschheit als Ganzes einen Anspruch auf die Unversehrtheit, Zugänglichkeit und die Erhaltung von prominenten Beispielen einer „Weltkultur“ erhebt, gibt es in der „Weltöffentlichkeit“ durchaus schon Beispiele: So war die Sprengung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamian-Tal durch die Taliban im Jahre 2001 ein international beobachtetes und verurteiltes Verbrechen und umso mehr ein Thema, als die Statuen für die Aufnahme in die UNESCO-Liste vorgesehen waren.
Diese Tat, die auch als Anschlag gegen die Grundlagen der Welterbeidee zu werten ist, war für die Welterbestätte Kloster Lorsch der Auslöser zur Gründung des weltweit ersten Netzwerks zwischen Welterbestätten untereinander, das zudem auf ständigen Zuwachs berechnet ist. Das Ziel ist, in überschaubarer Zeit aktive Klöster oder klosterähnliche Einrichtungen, die auf der UNESCO-Liste des kulturellen Erbes der Menschheit stehen, untereinander in Verbindung zu bringen. Da das Phänomen „Kloster“ alles andere als ein spezifisch christliches ist, sondern in fast allen bedeutenderen Religionen vorkommt, ist dieses Netzwerk, innerhalb dessen das nicht mehr aktive Kloster Lorsch die Rolle eines unverdächtigen Moderators spielt, unser Beitrag zu einer Kultur des Friedens, die dann gepflegt werden kann, wenn hinter den offenkundigen und vordergründigen Unterschieden gemeinsame Grundphänomene (Askese, Meditation / Kontemplation, Uniformität, kollektive Gedächtnisbildung, Innovationszentren usw.) wahrnehmbar und als menschliche Grundbedürfnisse verstanden werden.

Dr. Hermann Schefers

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