Geschichte & Bedeutung

Die Anfänge Lorschs als klösterlicher Niederlassung wirken zunächst recht bescheiden: Da gründen die wichtigsten Repräsentanten einer der bekannten Familien der fränkischen Oberschicht, die Rupertiner Williswinda und ihr Sohn, Gaugraf Cancor, um 764 ein kleines Kloster, vielleicht an der Stelle eines römischen Gutshofes, der von einer Flussschlaufe der früher einmal wesentlich wasserreicheren Weschnitz inselartig eingeschlossen war. Den Apostelfürsten Petrus und Paulus geweiht, wurde es 764 kraft des im Frühmittelalter dazu berechtigenden Eigenkirchenrechts an einen Verwandten der Familie verschenkt, an keinen geringeren als Erzbischof Chrodegang von Metz, der in dieser Zeit der einzige Erzbischof nördlich der Alpen ist. Spätestens im Moment der Übereignung des Klösterchens an Chrodegang rückt Lorsch plötzlich ins Rampenlicht der „großen“ Geschichte, wird Bestandteil eines von Chrodegang ausgehenden Programms – und vor allem: es erhält Reliquien, die Chrodegang aus Rom bekommen hatte, Reliquien des Märtyrerheiligen Nazarius. Im Besitz der Reliquien eines Heiligen zu sein, war für ein Kloster die sichere Garantie eines raschen ökonomischen Aufstiegs.

 

Vom adeligen Eigenkloster zum Königskloster

Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung gehört Lorsch zu den reichsten Grundbesitzern östlich des Rheins mit Besitzungen von der heute niederländischen Nordseeküste bis hinunter in die heutige Schweiz in – für das Frühmittelalter charakteristischer – Streulage. 766 entzündete sich an der Frage nach den Eigentumsverhältnissen zwischen Gundeland und dem Sohn des Gaugrafen Cancor ein Rechtsstreit, der jedoch eine Verlegung des rasch expandierenden Klosters an den späteren Ort (767 – 774), und zwar auf eine eiszeitliche Flugsanddüne, ein paar hundert Meter Luftlinie von der Weschnitzinsel entfernt, nicht behinderte. Gundeland zog den Streit 772 vor die letztmögliche juristische Instanz, vor den Herrscher, vor Karl den Großen. Karl entschied zu Gunsten Gundelands und Gundeland schenkte das Kloster des Heiligen Nazarius, samt allen Grundbesitzes, dem König, der damit neuer Eigentümer der Abtei wird.

Privilegien und Pflichten

Auf diese Weise ist Lorsch von einem adeligen Eigenkloster zu einem Königskloster geworden – ausgestattet zudem mit den Privilegien der Immunität und der freien Abtswahl, begünstigt durch herrscherlichen Schutz.
Freilich hatte Lorsch mit dem Status eines Königsklosters auch Pflichten zu übernehmen: Gebetsleistungen müssen erbracht werden für den König und die Dynastie, dona annualia werden erwartet, jährliche Abgaben und militia müssen erbracht werden, militärische Leistungen, die natürlich nicht von den Mönchen selbst garantiert wurden, sondern von den freien Hintersassen des Klosters. Hinzu dürften weitere Verpflichtungen gekommen sein: Die Versorgung des Herrschers und seiner Funktionäre, wenn sie in der Nähe waren, diplomatische Dienste der Äbte. Deutlich wird aber eben auch, dass ein Königskloster des Frühmittelalters alles andere ist als ein beschaulicher, nur dem Gebet und der Kontemplation gewidmeter Ort am Grabe eines Heiligen. Klöster sind wichtige Punkte der Durchdringung des fränkischen Großreiches mit Herrschaft. Ihre Äbte sind hochangesehene, machtvolle Funktionäre des Hofes und somit in der engsten Umgebung des Herrschers.

Hoher Besuch

Immer wieder in der Geschichte der Abtei des Heiligen Nazarius sind es besonders herausragende Ereignisse gewesen, die diesen Charakter unterstrichen haben: Am 1. September 774 beispielsweise, als Karl der Große mit großem Gefolge auf dem Weg von Italien nach Fritzlar in Lorsch der Weihe der Nazariusbasilika beiwohnte. Diese Feierlichkeit unterstreicht den früh erreichten Rang des Klosters. Etwas mehr als ein Jahrhundert später, unmittelbar nach dem Tod König Ludwigs des Deutschen (876), des Enkels Karls des Großen, erlebt das Kloster einen weiteren, für seine Geschichte wichtigen „Staatsakt“: Es wird Grablege des ersten „deutschen“ Königs und seiner Dynastie. Ludwig der Deutsche, sein Sohn Ludwig der Jüngere (gest. 882), sein Enkel Hugo (gest. 879) sind hier bestattet worden. Und auch später noch diente die zwischen 876 und 882 errichtete Gruftkirche, die unter ihrem alten Namen ecclesia varia in die Geschichte des Klosters eingegangen ist, als Bestattungsort bedeutender Persönlichkeiten, namentlich der Gemahlin Konrads I., des ersten nichtkarolingischen Königs auf deutschem Thron, Kundigunde (gest. nach 915). Rund zwanzig Herrscherbesuche werden für Lorsch vor 1090 gezählt, 1052 sogar die Visite eines Papstes, Papst Leos IX., der in der Nazariusbasilika, und zwar in der an sie anstoßenden Gruftkapelle der ostfränkischen Karolinger, einen Altar weihte.
Man begreift das Interesse des Herrschers an den inneren Verhältnissen der Abtei, die Reformforderungen der Zentrale, die zeitweise zu einer Außerkraftsetzung der freien Abtswahl führen (895 – 956) und vom Herrscher eingesetzte Äbte, sogenannte Kommendataräbte, verlangen konnten, unter ihnen so bedeutende Persönlichkeiten wie der Abtsbischof Adalbero von Augsburg oder Erzbischof Brun von Köln, der Bruder Ottos des Großen. Gerade Brun ist es gewesen, der die Voraussetzungen einer neuen Blüte des Klosters geschaffen hat: 951 führte er in Lorsch den ordo Gorziensis ein und baute das Kloster sogar zu einem Zentrum dieser Reformbewegung auf: Corvey, Fulda, St. Gallen, St. Martin (Köln) und Amorbach sind von hier aus im Sinne der Gorzer Bewegung reformiert worden. Otto I. hat Lorsch 956 wieder in die alten Rechte eingesetzt und durch Privilegien wirtschaftlich gestärkt; zwischen 956 und 1067 sind Bensheim (956), Stein (995), Weinheim (1000), das elsässische Brumath (1000), Oppenheim am Rhein (1008) und schließlich Lorsch selbst (1067) Orte, an denen die Abtei über privilegierte Märkte und Münzstätten verfügt.

Abt Udalrich und die Starkenburg

Abt Udalrich von Lorsch hat sich einem Versuch, die Immunität aufzuheben, energisch zur Wehr gesetzt: In Sichtweite des Klosters entstand die Starkenburg und 1066 erschien Udalrich mit dem gewaltigen Aufgebot von 1.200 bewaffneten Reitern in Trebur, um den jungen Herrscher von seinen Plänen abzubringen. Überhaupt scheint Lorsch unter dem genannten Abt einen dritten Höhepunkt erlebt zu haben, der sich in der Aktivität des Skriptoriums ebenso ablesen lässt wie in der kraftvoll betriebenen Erschließung neuer Siedlungs- und Wirtschaftsräume im Odenwald. Zwischen 863 und 875 wurden die Anfänge eines Filialklosters auf dem Heiligenberg bei Heidelberg gelegt, dessen Aktivierung aber erst 1023 so richtig auf den Weg kam, 1071 wurde das nun Altenmünster genannte Lorscher Mutterkloster als Propstei eingerichtet, um 1130 schließlich mag das Kloster Neuburg am Neckar, ebenfalls bei Heidelberg, entstanden sein, das als einziges heute wieder als Benediktinerabtei besteht.
Doch der Immunitätsstatus der Abtei war angegriffen worden – und das bedeutet in dieser Zeit nicht nur, dass der Herrscher hier von einem ihm zustehenden Recht Gebrauch gemacht hätte, sondern auch, dass die geistliche wie weltliche Reichsaristokratie, die längst teilhatte an der Regierungsgewalt, ihrerseits eine Gefahr für die Immunität eines Klosters wie Lorsch darstellen konnte. Ein weiteres Phänomen ist die stetig abnehmende Verfügbarkeit von Grund und Boden durch das Kloster; die Ursachen hierfür liegen in der Entwicklung des Lehnswesens und in den Möglichkeiten machtvoller Lehnsträger der Abtei, klösterliches Eigentum zu „entfremden“ und zunehmend auch eine eigene „Politik“ zu betreiben, die sich unter Umständen mit den Interessen des Klosters kreuzte.

Ende der benediktinischen Ära

Beide Phänomene stellen den Hintergrund für den Verlust der Immunität des Klosters im Jahre 1229 dar. Die Durchsetzung des neuen Rechtsstatus ist mit dem Ende der benediktinischen Ära gleichzusetzen, die der Überlieferung zufolge sogar gewaltsam vor sich gegangen ist.
1232 bis 1248 waren Zisterzienser in den Mauern der Abtei, 1248 besiedelten Prämonstratenser aus Allerheiligen im Schwarzwald das Kloster. In ihrer Zeit verlor das Kloster seine einstige Bedeutung und entwickelte sich zu einem eher regionalen Zentrum. Die Vorstellung eines völligen Bedeutungsverlustes ist dennoch nicht gerechtfertigt: Gerade im 14. Jahrhundert dürfte die Propstei noch in der Lage gewesen sein, aufwendige Baumaßnahmen durchzuführen, die das Bild des Klosters, das uns Matthäus Merian überliefert hat, prägen.
Die Gemeinschaft der Lorscher Prämonstratenser erlebte 1461 die Verpfändung des Klosters an die Kurpfalz, in deren Verfügung Lorsch auch 1556 noch war, als Kurfürst Ottheinrich von der Pfalz in seinem Herrschaftsbereich die Reformation durchsetzte und die Klöster auflöste. Erst 1623 ist Lorsch wieder an das Erzstift Mainz zurückgekommen; damals aber war aus der einst blühenden Stätte monastischen Lebens längst ein Trümmerfeld geworden: 1621 verwüsteten spanische Truppen die Klosteranlage, die seither über viele Jahrzehnte als Steinbruch für die gesamte Region diente.

Dr. Hermann Schefers

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