Bibliothek

So sehr man sich das Kloster Lorsch gerade in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte als ein auch im politischen Sinne machtvolles Zentrum vorstellen kann, so wichtig ist aber andererseits auch eine angemessene Berücksichtigung seiner kultur- und geistesgeschichtlichen Bedeutung.
Es fällt durchaus auf, dass Lorsch, unter direktem Einfluss des Hofes und der Metzer Kathedrale in kürzester Zeit eine Besonderheit herausbildet: ein leistungsfähiges Skriptorium, verbunden mit einer schon sehr bald sehr gut bestückten Bibliothek. Was an anderen Orten Jahrzehnte dauerte, vollzog sich in Lorsch binnen weniger Jahre. Und gerade in den neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts, kaum eine Generation nach der Gründung der Abtei, lässt sich mit Bestimmtheit nachweisen, dass Lorsch Anteil hat an den anspruchsvollen bildungspolitischen Plänen des Hofes, einem Programm, das von ganz entscheidender Bedeutung dafür wurde, welche Wege die kulturgeschichtliche Entwicklung des Abendlandes fortan nehmen sollte. Die relativ kurze karolingische Epoche hat dabei eine ganz wesentliche Rolle gespielt, sie ist das vermittelnde Glied zwischen der Antike und dem Mittelalter. Das Bildungsprogramm, das am Hof entwickelt wurde, wäre nur Programm und Theorie geblieben, hätten nicht einige wichtige Zentren diese Ideen umgesetzt, mit Inhalten gefüllt, und schließlich weitergegeben.
Lorsch ist in diesen Jahrzehnten ein solches Zentrum: Auf die Forderung der Hofgelehrten, künftige Kleriker mit Grundwissen in der bis dahin als heidnische Disziplin beargwöhnten Arzneimittelkunde auszustatten, reagiert das Lorscher Arzneibuch mit seinem Vorwort, das zu den Schlüsseltexten der sogenannten karolingischen Renaissance gerechnet werden kann; auf die Forderung, im Interesse eines vertieften Eindringens in die Weisheiten und die Schönheit der Heiligen Schrift die heidnischen Klassiker, vor allem die Poeten zu studieren, antwortet Lorsch mit einer bemerkenswerten Rezeption des römischen Dichterfürsten Vergil. Wären die Inhalte der heute auf 73 Bibliotheken weltweit verstreuten Lorscher Bibliothek, von der sich immerhin noch rund dreihundert Handschriftenbände erhalten haben, besser erforscht, könnte man wohl weitere Beispiele anführen.
Lorsch ist – und das wird man zumindest für das zu Ende gehende 8. Jahrhundert mit gutem Gewissen sagen können – ein besonders aktives Zentrum der Verdichtung allen erreichbaren Wissens der Zeit, über seine Äbte „vernetzt“ mit der geistigen Elite des Reiches. Ob es auch ein Ort der Vermittlung von Wissen war, können wir nicht mit derselben Bestimmtheit sagen – zu spärlich sind die (immerhin vorhandenen) Spuren eines klösterlichen Schulbetriebes und, merkwürdigerweise, die Belege für eigene literarische Produktionen. Umso imponierender bleibt der geradezu enzyklopädische Bestand der Bibliothek des Heiligen Nazarius. Noch viele Jahrhunderte später, in der Spätphase der Abtei, sind viele Gelehrte nach Lorsch gekommen: Gelehrte Professoren der Heidelberger Universität, nach Klassikertexten suchende Humanisten im 15. und 16. Jahrhundert. Man begreift das Interesse des Kurfürsten Ottheinrich, sich bei Gelegenheit der Auflösung des Klosters (wohl 1556/1557) sofort der noch vorhandenen Bibliothek zu versichern und sie seiner Hof- und sie in Universitätsbibliothek, der berühmten „Palatina“, einzureihen.

Dr. Hermann Schefers

Wissenschaftliche Texte zum Kloster Lorsch
Die Lorscher Bibliothek

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